Behandlung zeigt gefährliche Nebenwirkungen
Ärzte-Kommission warnt vor Hormonersatztherapie

Ärzte sollen Hormonpräparate gegen Wechseljahrsbeschwerden künftig nur noch in Einzelfällen verschreiben. Diese Empfehlung gab jetzt die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Kommissionschef Bruno Müller-Oerlinghausen erhob gleichzeitig schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie.

HB/dpa DÜSSELDORF. Älteren Frauen sollen nach Ansicht der Arzneimittelkommission drastisch weniger Hormone verschrieben werden. Die Wirksamkeit der Hormonersatztherapie sei nur bei starken Wechseljahrsbeschwerden erwiesen, sagte der Kommissionsvorsitzende Bruno Müller-Oerlinghausen bei der Vorstellung einer neuen Leitlinie zu dieser Therapie in Berlin. Hintergrund sind neue internationale Studien, die bei langjähriger Einnahme von Hormonen ein erhöhtes Brustkrebsrisiko belegen. „Es geht um Tod und Leben von Patientinnen“, betonte Müller-Oerlinghausen.

Hormone wirken den Studien zufolge kaum zur Vorbeugung von Knochenbrüchen und Darmkrebs und nicht gegen Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz. Die Frauen riskierten stattdessen vermehrt Brustkrebs, Herzinfarkte und Embolien, sagte Müller-Oerlinghausen. Er sprach von „enormen Risiken eines weltweit verabreichten Medikaments“ und kritisierte einen „naiven und sorglosen Umgang mit einer als natürlich und optimal angesehenen Arznei.“ Die Pharmaindustrie habe mit „Meinungsmanipulationen“ Forschung und Ärzte so beeinflusst, dass die Risiken der Hormonersatztherapie unterschätzt worden seien.

Tatsächlich sei die Hormonersatztherapie (HET) seines Erachtens ein „nationales und internationales Unglück“, gemessen an der Zahl deswegen gestorbener Frauen. In einem Zeitraum von zehn Jahren erkrankten in Deutschland pro Jahrzehnt 127.000 Frauen wegen HET zusätzlich an Krebs, sagte bereits am Montag Eberhard Greiser vom Bremer Institut für Präventionsforschung - bei insgesamt 460.000 Brustkrebs-Neudiagnosen. Müller-Oerlinghausen verglich die Hormontherapie mit der Schlafmitteltragödie Contergan Ende der 50er Jahre, bei der tausende Kinder missgebildet zur Welt kamen.

„Keine Frau muss Hormone nehmen“, betonte Mitautorin Martina Dören vom Berliner Forschungszentrum Frauengesundheit. Sie erkenne an, dass Leistungsfähigkeit und Lebensqualität von Frauen durch Hitzewallungen, Schlafstörungen, trockener Scheide und Stimmungsschwankungen deutlich eingeschränkt sein kann. „Östrogene sind durchaus eine Option.“ Wichtig sei jetzt eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung bei jeder Patientin. „Das Risiko ist klein, aber messbar“, betonte sie.

In Deutschland nehmen Umfragen zufolge 43 % der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren Hormonpräparate. Die Verschreibungshäufigkeit sei wegen der jüngsten Diskussion um Hormonersatz in Deutschland bereits um 13 Prozent und in Kanada um 30 % gesunken, teilte die AOK mit. Internationalen Studien zufolge, vor allem der „Women Health Initiative“ aus den USA, steigt das Risiko bei Langzeiteinnahme für Brustkrebs um 26 % und sinkt das Risiko eines Schenkelbruchs um 34 %. In relativen Wahrscheinlichkeiten ausgedrückt erhöht sich das Risiko für einer älteren Frau, innerhalb eines Jahre an Brustkrebs zu erkranken, mit Hormonen von 0,30 auf 0,38 % (gleich 8 zusätzliche Fälle pro 10.000 Frauen). Das Risiko eines Schenkelbruchs sinkt hingegen unter HET von 0,15 auf 0,10 %, das sind 5 Fälle weniger pro 10.000 Frauen und Jahr.

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