Beim Nobelpreis übergangen
Sie hätten es verdient gehabt

Unter Wissenschaftlern aller Altersstufen begrüßt man sich Anfang Oktober gerne mal mit dem Spruch „Na, auch wieder keinen Nobelpreis abbekommen?.“ Doch was die meisten auf die leichte Schulter nehmen, weil sie ohnehin nie an echten Durchbrüchen beteiligt waren, war für nicht wenige Nobelpreiskandidaten die Tragödie ihres Lebens. Handelsblatt.com stellt einige der Übergangenen vor.
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BERLIN. Robert Gallo ist seit zwei Jahrzehnten einer der wenigen Grundlagenforscher, die es zu so etwas wie Starruhm gebracht haben – Allüren inklusive. Der Mitentdecker des HI-Virus, das die Immunschwächekrankheit Aids auslöst, galt als heißer Nobelpreis-Kandidat. Das Komitee in Stockholm jedoch entschied sich im vergangenen Jahr für Luc Montagnier und Francoise Barré-Sinussi vom Pasteur-Institut in Paris. Es bestrafte damit Gallo vielleicht auch für seine wiederholten Attacken gegen Montagniers Team hinsichtlich der Priorität bei der Entdeckung des Virus, die zu einer der notorischsten Forscher-Fehden der letzten Jahrzehnte um Ruhm und Patente führten.

Barré-Sinussi war nachgewiesenermaßen die Erste, die das Virus im Labor charaktersierte. Die Entscheidung speziell für sie spiegelt auch eine Kurskorrektur des Nobel-Komitees wider, das in seiner Geschichte häufig diejenigen, die die eigentliche Entdeckung gemacht hatten, zugunsten ihrer Chefs übergangen hatte.

Doch auch, wer bereits berühmt ist und einen wichtigen Chefsessel einnimmt, geht mitunter leer aus. Schuld sind die Forscher daran durchaus auch schon einmal selber. Persönliche Fehden etwa verringern die Nobelpreis-Chancen drastisch, wie das Beispiel Nicola Tesla und Thomas Edison zeigt. Beide verband eine herzhafte persönliche Feindschaft, als sie für den Physik-Preis im Jahr 1915 im Gespräch waren. Doch weil jeder einzelne schon vorher hatte verlautbaren lassen, er würde nie einen Nobelpreis annehmen, wenn der andere vorher einen bekommen hätte - ganz zu schweigen von der Möglichkeit, die Ehrung gar gemeinsam anzunehmen - bekam eben keiner einen.

Tragisch verlief der Fall der Rosalind Franklin, deren Röntgen-Kristallographie-Experimente Anfang der 1950er Jahre entscheidend für die epochale Entschlüsselung des Erbmaterials DNA waren. Als es dafür 1962 den Chemie-Nobelpreis gab und James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins Sekt trinken durften, war Franklin bereits seit vier Jahren nicht mehr am Leben. Sie starb im Alter von nur 37 Jahren an Krebs, den sie sich vielleicht bei ihren Röntgenexperimenten zugezogen hatte.

Zu den größten Versäumnissen des Nobelkomitees gehört die Preislosigkeit eines Mannes, der zu den bekanntesten Gestalten des 20. Jahrhunderts gehört: Mahatma Gandhi. Nachdem er 1948 einem Attentat zum Opfer gefallen war, gestanden die Verantwortlichen in Stockholm indirekt ihr Versäumnis ein: 1948 wurde "aus Mangel an geeigneten lebenden Kandidaten", kein Friedensnobelpreis vergeben – ein nicht direkt ausgesprochenes, aber klares Statement für den Mann, der mit gelebter Gewaltfreiheit Indien in die Unabhängigkeit geführt hatte. Der Nobelpreis für den Dalai Lama 1989 war, so der Sprecher des Komitees seinerzeit, "zum Teil auch ein Tribut an die Erinnerung an Mahatma Gandhi".

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