Bergwetterwarte Zugspitze

Wetterfrosch auf Deutschlands höchstem Arbeitsplatz

Wenn es stürmt, wackelt sein Arbeitsplatz wie bei einem Erdbeben: Norbert Stadler ist Wetterbeobachter auf der Zugspitze – noch. Denn der Deutsche Wetterdienst will Deutschlands höchsten Arbeitsplatz automatisieren.
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Wetterbeobachter Norbert Stadler beim Ablesen der Instrumente auf dem Dach der Wetterwarte. Quelle: dpa
Wetterdienst auf der Zugspitze

Wetterbeobachter Norbert Stadler beim Ablesen der Instrumente auf dem Dach der Wetterwarte.

(Foto: dpa)

Garmisch-PartenkirchenDer Arbeitsplatz ist klein. Gerade einmal vier Meter im Quadrat misst der Raum, mehrere Bildschirme und Messgeräte wollen nicht so recht zur rustikalen Einrichtung passen, und ein Schrankbett muss auch noch ausgeklappt werden können. Doch wenn Norbert Stadler die enge Treppe auf die Plattform hinaufsteigt, breitet sich bei guter Sicht ein atemberaubendes Alpenpanorama bis zu den Dolomiten und ins Engadin vor ihm aus.

Der 59-Jährige ist Wetterbeobachter auf der Zugspitze, er hat Deutschlands höchstgelegenen Arbeitsplatz. Die Bergwetterwarte überragt sogar den 2962 Meter hohen Gipfel um zwei Meter.

Panorama hin oder her – das Arbeiten auf der Wetterwarte hoch über Garmisch-Partenkirchen ist an vielen Tagen im Jahr alles andere als idyllisch. Oft fegen Orkanböen über den kleinen aus Holz gebauten Turm hinweg, der seit der Errichtung im Jahr 1900 kaum verändert wurde. Wenn der Sturm sich besonders heftig austobt, wackelt die Wetterwarte. „Das ist wie bei einem starken Erdbeben“, sagt Stadler.

Wo sich echte Wetterextreme austoben
Immer nur Sonne in Yuma, Arizona
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"It never rains in…" – Yuma, Arizona: Der sonnigste Platz der Erde befindet sich nicht in Südkalifornien, sondern in diesem Flecken Erde am südwestlichen Rand Arizonas – zumindest hat man noch an keinem anderen Ort mehr Sonnenschein gemessen als hier. An durchschnittlich 4015 Stunden pro Jahr strahlt die Sonne hier ungestört vom Himmel, jeden Tag im Mittel elf Stunden lang. In manchen Jahren regnet es in Yuma weniger als fünf Millimeter pro Quadratmeter, die sommerliche Durchschnittstemperatur liegt bei über 40 Grad Celsius.

Mount Washington, der Ort des extremsten Wetters
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Wer als Meteorologe Rekorde sucht, ist auf dem Mount Washington im US-Bundesstaat New Hampshire genau an der richtigen Stelle. Obwohl der Berg nur knapp 1917 Meter hoch ist und auf dem gleichen Breitengrad wie beispielsweise die italienische Hafenstadt Genua liegt, suchen ihn extreme Wetterlagen heim. An 110 Tagen im Jahr übersteigen die Windgeschwindigkeiten Hurrikanstärke. Mit den Tiefs prasseln auch ergiebige Niederschläge herab. Im Winter 1968/69 fielen 14 Meter Schnee auf dem Berg, dazu regnet es im Jahresschnitt mehr als 2500 Liter auf den Quadratmeter. Im Winter fallen die Temperaturen häufig unter minus 40 Grad Celsius.

Commonwealth Bay - windigster Ort der Erde
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Prinzipiell ist die Antarktis kein gemütlicher Ort, doch die Commonwealth Bay im Osten des Kontinents setzt noch eins drauf: Sie ist der wohl windigste Ort der Welt, an dem über das gesamte Jahr hinweg eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde gemessen wird. Häufig treten aber auch Stürme mit Windgeschwindigkeiten von 240 Kilometern pro Stunde auf. Ein Wetter, bei dem sich nur Pinguine wohlfühlen.

Die Blitze von Catatumbo
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Mindestens 260 Nächte im Jahr blitzt es nahe der Mündung des Río Catatumbo in den Maracaibo-See in Venezuela – und das praktisch immer an der gleichen Stelle. Die Blitzlichtgewitter entstehen, weil ausdauernd feuchtwarme Luftmassen über den See und die angrenzenden Ebenen streifen, bevor sie auf die Andenausläufer der Cordillera de Mérida treffen. Das Gebirge umschließt die Sümpfe auf drei Seiten und zwingt die Luft zum Aufstieg. Dabei bilden sich vor allem nachts Gewitterwolken, die sich stetig entladen. Bis zu zehn Stunden kann ein solches Gewitter dauern.

Grau in grau in der Neufundlandsee
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Wie Sie sehen – sehen Sie fast nichts. Und das ist Normalzustand an den Great Banks vor der Küste Neufundlands im nordwestlichen Atlantik: An mindestens 200 Tagen im Jahr wabert hier Nebel über das Wasser, was den Ort zu einem der düstersten der Erde macht. Schuld daran ist das Aufeinandertreffen des kalten Labradorstroms aus dem Norden und des warmen Golfstroms aus dem Süden.

Hagelschlag in den Nandi Hills
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Die Kericho-Nandi-Hills in Kenia haben den Ruf des hagelreichsten Orts der Erde hier hagelt es nahezu täglich. In der Hitze des Nachmittags steigt hier feuchte Luft vom Viktoriasee über den Bergen auf, sodass sich große Gewittertürme ausbilden. Darin herrscht enormer Auftrieb, der die Feuchtigkeit weiter in kühle Atmosphärenschichten reißt, wo sie gefriert, bis sie schließlich als Hagel ausfällt.

Richtig schmerzhaft bis lebensgefährlich wird es aber vor allem im Norden Indiens und Bangladeschs, wo Meteorologen die meisten Stürme mit Extremhagel beobachten: Die Eisbrocken haben Durchmesser von mehr als zehn Zentimetern, und in Bangladesch klaubte man am 14. April 1986 sogar Hagelkörner auf, die mehr als ein Kilogramm wogen – 92 Menschen starben in diesem Unwetter.

Extreme Trockenheit im McMurdo-Tal
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Mitten in der Antarktis liegt der trockenste Ort der Welt: das McMurdo-Trockental. Hier hat es seit vielleicht Millionen von Jahren nicht mehr geschneit oder geregnet. Dazu herrschen Temperaturen bis minus 50 Grad Celsius im Winter, im Sommer gibt es nur wenige Tage über dem Gefrierpunkt, und stetig peitschen orkanartige Fallwinde über die Landschaft. Deshalb sind die Täler auch nicht vom Eis überdeckt: Die Gebirge am Rand verhindern, dass Gletscher hierher vordringen, die trockenen Föhnwinde saugen jede Feuchtigkeit auf.

Die bisher höchste Windstärke wurde am 12. Juni 1985 auf der Zugspitze gemessen: 335 Stundenkilometer – Deutschlandrekord bis heute. Als Orkan gelten schon Windgeschwindigkeiten über 117 Stundenkilometer. An ein Arbeiten auf der im Freien gelegenen Plattform ist dann nicht mehr zu denken.

Auch die Kälte macht Stadler und seinen Kollegen vom Deutschen Wetterdienst (DWD) bei der Arbeit zu schaffen. Der 59-Jährige erinnert sich an einen Tag mit minus 28 Grad: „Beim Ablesen der Temperatur ist ein Finger am Eisen festgeklebt.“ Und das war längst nicht der kälteste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Am 14. Februar 1940 wurden am Gipfel minus 35,6 Grad Celsius gemessen.

Jede halbe Stunde nimmt Stadler die Wetterlage in Augenschein – und das im wörtlichen Sinn. „Augenbeobachtung“ heißt es in der Fachsprache der Meteorologen. In regelmäßigen Abständen misst er Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und -geschwindigkeit, Niederschlag, Sonnenscheindauer und Strahlung. Seine Daten gibt Stadler elektronisch an die DWD-Zentrale nach Offenbach weiter.

Nach so viel Erfahrung auf Deutschlands höchstgelegenem Arbeitsplatz weiß Stadler: „Hier oben entscheidet allein der Wind über die gefühlte Temperatur.“ So könne er an einem windstillen bitterkalten Wintertag durchaus in leichter Kleidung auf der Plattform stehen, brauche bei Sturm aber selbst im Sommer eine wärmende Kopfbedeckung.

Wer am Berg automatisch misst, misst Mist
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