Bestimmte Formen von Epilepsie können durch Herausschneiden von Gewebe geheilt werden
Neuer Gehirnatlas weist Operateur den Weg

Ein neuer Atlas ermöglicht einen tiefen Einblick ins Gehirn: Der Bielefelder Neuropathologe Reiner Lahl hat eine Dokumentation herausgegeben, die Bilder von Gehirngewebe lebender Epilepsie-Patienten enthält. Bisher gab es kein qualitativ ausreichendes Bildmaterial über Gehirngewebe von Patienten. Es gab nur Karten für die Gehirn-Operationen mit Röntgenaufnahmen und Bildern von Gehirngewebe verstorbener Patienten.

BIELEFELD. Mit dem neuen Atlas können nun gesundes und krankes Gewebe besser unterschieden werden. Die Dokumentation bietet Informationen vor allem für Operateure, die mit dem so genannten Schnellschnitt arbeiten. Dabei wird ein Gewebestück während der Operation entnommen und sofort untersucht. Dann wird entschieden, ob der Krankheitsherd bereits komplett entfernt ist. Wie das Anfall auslösende Gewebe aussieht, zeigte sich bislang erst bei der Operation oder – im schlimmsten Fall – erst bei der späteren Analyse.

Von besonderem Interesse ist der Gehirnatlas für die Heilung von therapieresistenter Epilepsie. Bei dieser Behandlungsmethode wird das erkrankte Gewebe entfernt. Dazu muss der die Anfälle auslösende Hirnbereich jedoch vor der Operation genau identifiziert werden. Mit Hilfe von Voruntersuchungen, Anfallsanamnese, Elektroenzephalogramm, Videodokumentationen des Anfalls und bildgebenden Verfahren können sich die Ärzte zwar schon vorab ein relativ genaues Bild von den Vorgängen unter der Schädeldecke und vom Ort des Anfallsherdes machen.

In dem Atlas mit den Eins-zu- Eins-Aufnahmen Lebender sehen die Mediziner nun, wie Anfall auslösendes Gehirngewebe aussieht:Bei erkranktem Gewebe liegen die Zellen dichter beisammen und sind größer. Außerdem ist das umgebende Gewebe mit mehr Fasern durchsetzt.

Grundlage für die Fotodokumentation sind Gewebeproben von 700 Patienten, die zwischen 1990 und 2001 in Bielefeld operiert worden sind. Befunde von rund 440 Patienten wurden statistisch unter verschiedenen Gesichtspunkten bearbeitet: Die Ergebnisse sind tabellarisch zusammengefasst und geben mit den mikroskopischen und makroskopischen Aufnahmen Auskunft über die geweblichen Veränderungen. Also beispielsweise darüber, ob Narbenbildung oder zelluläre Fehlstrukturen zu den Anfällen führten. Darüber hinaus sind weitere Fälle von verändertem Gehirngewebe ausgewählt, die entweder besonders häufig oder besonders selten sind.

Mit dem Atlas werde, so Rainer Lahl, den Fachleuten gezeigt, welche Formen der Epilepsie operiert werden können und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Patient nach dem Eingriff frei von Anfällen ist. Hier haben die Bielefelder gute Ergebnisse vorzuweisen: Rund 80 % der dort Operierten sind nach dem Eingriff anfallsfrei. Die von Bodelschwingh´schen Anstalten in Bielefeld-Bethel gelten daher als eines der führenden Epilepsie-Zentren in Europa. In Deutschland sind rund 800 000 Menschen von Anfällen betroffen.

Die Ursachen sind so vielfältig wie der Verlauf eines Anfalls: Unfälle, Tumore und Gehirnhautentzündung gehören zu den Auslösern. Bei einem Anfall werden gleichzeitig zu viele Impulse im Gehirn losgeschickt. Es entstehen Kurzschlüsse in der Schaltzentrale des Menschen, die bei vielen Menschen mit Medikamenten unter Kontrolle gehalten werden können. Nicht aber bei allen Formen: Um die zum Teil lebensbedrohenden Krampfanfälle zu unterdrücken, bleibt dann nur der komplizierte Eingriff ins Gehirn.

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