Biologie
Ein Hoch auf die Verschiedenheit

Wer von biologischen Unterschieden zwischen Menschengruppen spricht, gilt schnell als Rassist. Jetzt wenden sich amerikanische Forscher gegen dieses Tabu. Ihre offensive Forderung: „Lasst uns die genetische Ungleichheit der Menschen feiern.“ Ein gewagter Vorstoß.
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DÜSSELDORF. Rassen gibt es nicht. Die äußerlich erkennbaren Unterschiede zwischen Menschengruppen sind bedeutungslos, und die anderen sind Ergebnisse kultureller Entwicklung, also „sozial konstruiert“. Für dieses gesellschaftlich dominante Menschenbild ist das, was Genforscher in letzter Zeit vermehrt präsentieren, umwerfend: Nämlich immer neue Erkenntnisse über genetische Verschiedenheit, nicht nur zwischen Individuen, sondern auch zwischen Gruppen von Menschen mit gemeinsamer Herkunft. Studien, wie das internationale HapMap-Projekt, das eine eindeutige genetische Differenzierung zwischen Angehörigen verschiedener geografisch separierter Gruppen feststellte, wurden von den Sozial- und Geisteswissenschaften und der breiten Öffentlichkeit weitgehend ignoriert.

In der Fachzeitschrift „Nature“ vertreten der Humangenetiker Bruce T. Lahn und der Ökonom Lanny Ebenstein diese Erkenntnisse nun ungewohnt offensiv. „Lasst uns die genetische Ungleichheit der Menschen feiern“, fordern sie und behaupten: „Biologischer Egalitarismus wird wohl nicht haltbar bleiben im Lichte der wachsenden Masse empirischer Daten.“ Von genetischen Unterschieden auch auf der Ebene von Gruppen auszugehen, sei nicht moralisch verwerflich.

Die nicht zuletzt auf die mörderischen Erfahrungen von Sklaverei und Antisemitismus zurückzuführende Behauptung völliger biologischer Gleichheit sei zwar von der guten Absicht geleitet, Diskriminierungen die Grundlagen zu entziehen, aber „unlogisch und sogar gefährlich“. Denn dieses Dogma impliziere, dass Diskriminierungen gerechtfertigt seien, wenn es biologische Unterschiede zwischen Gruppen gibt, was seriöse Studien zeigen. „Die Gesellschaft muss wachsam sein gegen den Missbrauch genetischer Information, aber wir glauben, dass die beste Verteidigung eine positive Haltung zur Verschiedenheit ist, auch zu der auf Gruppenebene“, schreiben Lahn und Ebenstein.

Biologische Unterschiede zwischen Menschengruppen (den Begriff „Rasse“ meiden Wissenschaftler) sind für die Forschung ein brisantes Thema. Das bewies die scharfe Kritik an der „Bell-Curve“ in den frühen 90er-Jahren, einer amerikanischen Studie, wonach bei IQ-Tests Schwarze um 15 Prozent schwächer abschnitten als Weiße und Asiaten. 1994 musste die damalige Chefin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Charlotte Höhn, zurücktreten, nachdem sie die Studie bei einer Konferenz ins Gespräch gebracht hatte. Im Februar 2009 forderte der Neurologe Steven Rose in „Nature“, Rassen- und Geschlechtsunterschiede im Bezug auf die Intelligenz nicht zu erforschen, da „die Gesellschaft davon keinen Nutzen habe“.

Lahn und Bruce dagegen sehen großen Nutzen in der Erforschung der Unterschiede. Die Medizin profitiert schon jetzt von wachsenden Erkenntnissen über sehr unterschiedliche Häufungen von krankheitsrelevanten Genen in verschiedenen Gruppen. Studien zeigen immer deutlicher, dass das Verständnis genetischer Unterschiede auf Gruppenebene auch Aufschluss geben kann über die Evolution des Menschen, aber auch über Wanderungsbewegungen und andere Großereignisse in vor- und frühgeschichtlicher Zeit.

Ein wichtigerer Grund, die Verschiedenheit zu begrüßen, sei aber, so Lahn und Ebenstein, dass sie „eher ein Antriebsmittel als eine Beeinträchtigung für eine erfüllende und gedeihende Gesellschaft“ sei. Der Erfolg der USA auf so verschiedenen Gebieten wie Sport, Wirtschaft und Wissenschaft verdanke sich zumindest teilweise auch der genetischen Unterschiedlichkeit ihrer Einwohner.

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  • In Bezug auf:"Lasst uns die genetische Ungleichheit der Menschen feiern";'Jeder Mensch ist Einzigartig und in jedem Menschen steckt ein Genie'
    und auch für sich Selbst verantwortlich!

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