Biotechnologie
Jäger der verborgenen Schätze

Das Great Barrier Reef galt bisher nur als Mekka der Taucher. Doch seit die australische Regierung die Biotechnologie fördert, wird das weltberühmten Korallenriff für viele Unternehmen interessant. Auch europäische Firmen wollen den Artenreichtum des Riffs für die Entwicklung neuer Produkte nutzen.
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BRISBANE. Wer an Australien denkt, hat in erster Linie Bilder im Kopf, die mit Kohle und Landwirtschaft zu tun haben. Aber der Kontinent hat weitaus mehr zu bieten. Kaum bemerkt vom Rest der Welt hat sich die Gegend rund um Brisbane im Bundesstaat Queensland zu einem Zentrum für innovative Biotechnologie gemausert, das zunehmend auch das Interesse europäischer Firmen weckt. Quelle für vielfältige Innovationen ist das Great Barrier Reef mit seinem Reichtum an natürlichen bioaktiven Stoffen.

"Das", sagt Roger Drinkwater und hält eine konisch geformte weiße Muschel mit attraktiven braunen Markierungen hoch, "wird eines Tages Morphium ersetzen." Der Forschungschef der Biopharmafirma Xenome in Brisbane ist ein eher nüchtern wirkender Wissenschafter, wenn es aber um die Kegelschnecke geht, wird er emotional. Die rund acht Zentimeter lange Seeschnecke werde eines Tages akute und chronische Schmerzen der stärksten Art lindern - eines der größten Probleme, die die Menschheit seit Urzeiten quälen, sagt Drinkwater.

Das kleine Tier, das in den Gewässern des Great Barrier Reef vor der der Küste des australischen Bundesstaates Queensland lebt, ist hochgiftig. "Aus einer Art Blasrohr schießt es kleinste Pfeile auf Beutefische, die im Bruchteil einer Sekunde gelähmt sind", erklärt Drinkwater. Das Gift ist so stark, dass zwölf der insgesamt 500 Kegelschneckenarten problemlos auch einen Menschen töten können. Sie tun es gelegentlich auch, wenn unbedachte Taucher die Tiere als Souvenir in ihren Anzug packen.

Die extrem hohe Toxizität der Mollusken will Xenome nutzen. Drinkwater und sein Team haben das Gift acht Jahre lang analysiert, die einzelnen molekularen Bestandteile - die Peptide oder Eiweiße - kopiert und die schmerzstillenden Elemente dieses tödlichen Cocktails in einer synthetischen und leicht verabreichbaren Form kombiniert.

"Wir sind in einer zweiten Prüfungsphase", sagt der Forscher. Das Präparat wurde vor kurzem an einer Gruppe von Krebskranken getestet, die unter extremen Schmerzen litten. "Das Ergebnis war unglaublich. Leute, die sich seit Jahren kaum bewegen konnten, standen auf und gingen in den Garten, den Rasen mähen. Und das praktisch ohne Nebenwirkungen", berichtet der Biologe.

Bis in vier Jahren hofft Drinkwater, das neue Präparat auf den Markt bringen zu können. Schon bald will die bisher nur mit Venture-Kapital finanzierte Xenome an die australische Börse gehen. Experten sind sicher, dass die Aktien eine mehr als gute Investition sein werden, wenn es der Firma gelingt, mit ihrem Produkt das abhängigmachende Morphium zu ersetzten. "Der weltweite Markt für Mittel gegen chronische Schmerzen ist gigantisch", sagt Drinkwater. "Und wir sind führend bei der globalen Jagd nach einer Alternative zu Morphium."

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