Forschung + Innovation
Bund: Viele neue Schadstoffe in Muttermilch entdeckt

Von wegen ungetrübtes Still-Idyll: In der Muttermilch lassen sich mehr als 300 Chemikalien nachweisen. Zwar sind die Belastungen mit DDT, Dioxinen und PCB (Polychlorierte Biphenyle) wegen weit reichender Verbote zurück gegangen.

dpa BERLIN. Von wegen ungetrübtes Still-Idyll: In der Muttermilch lassen sich mehr als 300 Chemikalien nachweisen. Zwar sind die Belastungen mit DDT, Dioxinen und PCB (Polychlorierte Biphenyle) wegen weit reichender Verbote zurück gegangen.

Dafür werden aber immer mehr neue gefährliche Substanzen wie Weichmacher, Flammschutzmittel und Duftstoffe gefunden. Das zeigt eine Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Umweltschützer fordern deshalb, die Chemikalienpolitik der EU am Vorsorgeprinzip auszurichten. Im Herbst will das EU-Parlament über eine entsprechende Vorlage (Reach) entscheiden. „Wir raten nicht vom Stillen ab, sondern wollen, dass die Belastungen schnell und effektiv minimiert werden“, betonte Bund-Vorsitzende Angelika Zahrnt.

In der Bund-Studie wurden erstmals sämtliche Ergebnisse von Muttermilchuntersuchungen der vergangenen Jahre zusammengefasst. Muttermilch ist ein starker Indikator für die Belastung mit vielen Chemikalien, denn Fett liebende Stoffe werden nicht vom Körper abgebaut, sondern reichern sich in den Fettdepots an, bis sie dann für die Milchfettbildung mobilisiert werden. Der Effekt: Vor allem Erstgeborene älterer Mütter kriegen über die Muttermilch eine große Portion Schadstoffe ab. Darüber hinaus sind die Chemikalien auch im Blutserum der Mütter nachzuweisen und könnten teilweise über die Plazenta das ungeborene Kind erreichen.

Als besonders gefährlich schätzt der Bund moderne Flammschutzmittel und Weichmacher ein, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen oder die männliche Fruchtbarkeit zu stören. Polybromierte Diethylether (Pbde) zum Beispiel werden zum Flammschutz vor allem in Elektroartikeln, Kunststoffen und Textilien eingesetzt. 2003 lag der weltweite Verbrauch bei 70 000 Tonnen im Jahr. Seit den 70er Jahren hat sich die durchschnittliche Pdbe-Belastung der Muttermilch alle fünf Jahre verdoppelt.

Auch die vor allem in PVC verwendeten Weichmacher finden sich in hohen Konzentrationen in Blut und Milch. Generell seien Kleinkinder sechs Mal so hoch damit belastet wie Erwachsene, schreibt der Bund. Doch auch um die Grenzwerte streiten sich die Experten.

Der Hintergrund: In Europa kamen seit den 40er Jahren allein bis 1980 rund 106 000 Chemikalien auf den Markt. Aber erst 1981 trat ein Gesetz in Kraft, das eine Risiko-Bewertung der Substanzen verlangt. Alle zuvor entwickelten Substanzen (97 Prozent) mussten jedoch nie eine Risikoprüfung durchlaufen, warnt der Bund. Hier soll Reach, wenn es denn Anfang 2007 in Kraft tritt, nachbessern: Bis 2017 muss die Industrie dann rund 30 000 der bisher ungeprüften Chemikalien auf ihr Gefahrenpotenzial hin untersuchen und für bedenkliche Stoffe Sondergenehmigungen beantragen.

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