Chemie
Bayer produziert winzige Nanoröhrchen

Der Chemiekonzern Bayer setzt auf die Herstellung von sogenannten Nanotubes. In Leverkusen entsteht eine Produktionsanlage, die 200 Jahrestonnen produzieren soll. Die weltweit größte Anlage wird deutsche Firmen versorgen.
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LEVERKUSEN. Chemiekonzern Bayer setzt auf die Herstellung von sogenannten Nanotubes. Das Unternehmen baut in Leverkusen eine Produktionsanlage, die bereits ab diesem Sommer 200 Jahrestonnen der winzig kleinen Teilchen herstellen soll. "Wir stoßen damit in neue Dimensionen vor", sagt Wolfgang Plischke, beim Leverkusener Chemiekonzern Bayer im Vorstand für die Forschung zuständig.

Bei den sogenannten nano-skaligen Materialien handelt es sich um Kohlenstoff-Nanoröhrchen, die nur noch wenige Atome groß sind. Genutzt werden diese winzigen Röhrchen als Pigmente und Additive in Hochleistungslacken sowie Kunststoffen - und neuerdings auch, um Textilien feuchtigkeits- und schmutzabweisend zu machen.

Doch wenn sich das Potenzial der Nanotechnologie nur auf Autoreifen und selbstreinigende Waschbecken beschränken würde, wäre das sicherlich keine Sensation. Vielmehr sollen die Carbon Nanotubes (CNT) mit ihren herausragenden Eigenschaften völlig neue Anwendungen erschließen: in Bereichen der Werkstofftechnologie und Konstruktion, bei der Speicherung von Energie, bei der Übermittlung und Verarbeitung von Informationen und sogar im Bereich der Diagnostik, Prophylaxe und Therapie von Krankheiten.

Bayer sei eines der wenigen Unternehmen, das in der Lage ist, CNTs im Industriemaßstab in hoher Menge und Qualität herzustellen, erklärt Plischke. Der Chemiekonzern hat bereits in einer Pilotanlage im badischen Laufenberg mit 60 Tonnen Jahreskapazität gezeigt, dass er die Technik beherrscht. Die winzigen Teilchen entstehen bei einem katalytischen Verfahren aus einem kohlenstoffhaltigen Gas bei hoher Temperatur. Das erlaube die Herstellung von CNT mit einer Reinheit von über 99 Prozent, so Plischke.

Die Leverkusener wollen anderen Firmen mit ihrem Produktions-Know-how helfen, Innovationen schnell in marktfähige Produkte umzuwandeln. Dazu haben sie die "Innovationsallianz CNT" gegründet, der bereits 80 Firmen, zig Universitäten und Forschungseinrichtungen beigetreten sind. Dazu gehören Unternehmen wie Q-Cells, die sich mit der Umwandlung von Sonnenlicht in Strom beschäftigen, oder Varta, die CNTs für die Herstellung von neuen Batterien einsetzen wollen, was wahrscheinlich erst die Herstellung von Elektroautos wirtschaftlich macht. Außerdem gehört BASF ebenso zu dem Bündnis aus Wissenschaft und Industrie wie Dyckerhoff (Bauindustrie) oder Siemens.

Unterstützt wird die Allianz vom Bundesforschungsministerium mit 40 Mio. Euro. "Derzeit sind 18 Projekte vernetzt, 14 davon konzentrieren sich auf praxisnahe Anwendungen in den Bereichen Energie und Umwelt, Mobilität und Leichtbau", erläutert Thomas Rache, parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium.

Von der Vernetzung verspricht sich Rache einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz in Nordamerika und Asien, die natürlich auch die Vorzüge der leichten wie extrem belastbaren Kohlenstoff-Nanoröhrchen erkannt hat. Schließlich gilt die Nanotechnologie schon länger als Wissenschaft mit hohem Wachstums- und Arbeitsplatzpotenzial.

Zwar nehmen sich die mit Bayers neuer Anlage verbundenen zwanzig neuen Arbeitsplätze und die Investitionssumme von 22 Mio. Euro zunächst eher bescheiden aus. Aber Bayer-Vorstand Plischke ist überzeugt: "Das ist erst der Anfang. Schließlich fing es mit unseren Polycarbonaten vor über fünfzig Jahren ähnlich an, heute ist das ein Milliardenmarkt." So erzielen allein die Leverkusener heute mit ihrem Produkt Macrolon rund vier Milliarden Euro Umsatz.

Prognosen sagen Kohlenstoff-Nanoröhrchen ein Marktwachstum von 25 Prozent pro Jahr voraus. Experten rechnen damit, dass mit CNT-basierten Produkten ein weltweiter Zukunftsmarkt von potenziell bis zu dreistelliger Milliardenhöhe erschlossen und damit etwa 100 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Profitieren können praktisch alle Industriebereiche - in der Krise ist das ein Hinweis auf wieder bessere Zeiten.

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