Chimärenforschung
An der Grenze zwischen den Arten

Sie pflanzen Tieren menschliche Zellen und ihren Embryonen menschliche Gene ein. Forscher experimentieren mit Mischwesen, um neue Heilungsmethoden und Medikamente zu erproben. In der Grundlagen-, Pharma- und Stammzellforschung sind die so genannten Chimären längst Alltag. Ethisch sind die Versuche allerdings äußerst fragwürdig.

DÜSSELDORF. Die drei Affen sind ein Bild des Jammers. Sie können sich kaum bewegen. Nur unbeholfen schieben sie ihre steifen Arme und Beine vor sich her und verlieren dabei immer wieder das Gleichgewicht. Bananen und andere Früchte entgleiten ihnen. Sie können nichts essen.

Mit einer Chemikalie hat der Neurochirurg Eugene Redmond von der Yale University in New Haven einige Hirnzellen der Tiere zerstört, so dass die drei Grünen Meerkatzen an einer parkinsonähnlichen Erkrankung leiden. Sie dienen als Tiermodell für das menschliche Altersleiden.

Fünf anderen Parkinson-Affen soll es Redmonds Schilderungen zufolge dagegen besser gehen: Sie können sitzen, laufen und schieben sich ab und zu Nahrung in den Mund. Der Forscher verbucht das als einen großen Erfolg. Den vergleichsweise guten Zustand dieser fünf Tiere erklärt er damit, dass er diesen Parkinson-Primaten menschliche Stammzellen aus abgetriebenen Föten ins Gehirn gespritzt hat. Einige der Zellen haben sich dort in humane Neuronen verwandelt, darunter auch in Dopamin produzierende Zellen, die bei der Parkinson-Erkrankung fehlen. Daher gesunden die Tiere weitgehend, folgert Redmond in seinem Artikel vom 22. Juli in der Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS). Er sieht seine Experimente als wichtigen Schritt zu einer Therapie, bei der Parkinsonkranke mit Stammzellen kuriert werden. Von einigen Neurologen, wie Paul Sanberg von der University of South Florida, erntet er Beifall.

Doch außerhalb seiner Fachdisziplin verstummt der Jubel. „Zwischen Primaten und Menschen gibt es eine 90-prozentige Übereinstimmung im Erbgut, damit steigt die ethische Verwerflichkeit solcher Versuche. Wenn der Primat auf einmal sprechen würde, müsste man sich ernsthaft fragen, ob das zulässig sein darf“, so Sara Kranz, Medizinrechtlerin von der Universität Mannheim. Die fünf Lebewesen mit den menschlichen Hirnzellen sind streng genommen keine Grünen Meerkatzen mehr, sondern Mischwesen aus Mensch und Affe. Mit solchen Chimären setzt sich Kranz im EU-Projekt „Chimbrids“ auseinander.

In vielen EU-Ländern ist es nicht verboten, chimäre Embryonen zu erzeugen. Auch in Deutschland wären solche Klonversuche erlaubt, wenn die menschliche Zelle nicht mehr die ursprüngliche Erbinformation enthält, also zum Beispiel vorher gentechnisch verändert wird, erläutert Kranz. In China ist das Chimärenklonen in der Forschung sogar ausdrücklich erlaubt. In Japan gibt es zwar Auflagen, aber Tier-Mensch-Embryonen wurden bereits geschaffen.

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