Chimärenforschung
Ethisch problematisch – wissenschaftlich fraglich

Vor dem Hintergrund der deutschen Debatte über die Stammzellforschung klingt fast unglaublich, was britischen Forschern nun erlaubt wurde: ein Mischwesen aus Mensch und Tier zu schaffen, um mit dessen Hilfe embryonale Stammzellen herzustellen. Deutsche Forscher zeigten daran bislang kein Interesse – aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen.

BERLIN. Hierzulande ist auf der Basis eines breiten politischen Konsenses, dem sich auch weitere Teile der Wissenschaft verpflichtet fühlen, sogar die Herstellung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen verboten, weil diese dafür vernichtet werden müssen.

Erlaubt ist lediglich die Forschung mit Zellen, die im Ausland hergestellt wurden. Bislang durften sogar nur Zellen importiert werden, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. Diesen Stichtag hat der Bundestag erst im vergangenen Monat nach monatelangen kontroversen Debatten auf den 1. Mai 2007 verschoben, um den Wissenschaftlern die Forschung mit neueren Zelllinien zu ermöglichen. Hinter der Stichtagsregelung steht die Idee, dass von deutscher Forschung kein Anreiz ausgehen soll, immer neue menschliche Embryonen zur Erzeugung von Stammzellen zu vernichten. Die Züchtung von Chimären ist dagegen nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz verboten. Juristisch umstritten ist allerdings, ob sie zulässig ist, wenn wie in Großbritannien der Zuchtversuch in einem sehr frühen Stadium, also nach wenigen Tagen, abgebrochen wird.

Doch ist dies eine theoretische Frage, da deutsche Forscher bislang kein Interesse an der Chimärenforschung gezeigt haben. Dafür sind nicht nur ethische Gründe maßgeblich. Auch wissenschaftlich hält die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Versuch, in tierischen Eizellen menschliche Stammzellen zu „brüten“, für wenig zielführend. „Wir sehen für Deutschland in diesem Forschungsansatz keine Perspektive“, so der Vizepräsident der DFG und neue Chef des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hinrich Hacker. „Es gibt eine Unverträglichkeit der Erbsubstanzen von Mensch und Tier oder, wie es der frühere DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker einmal ausgedrückt hat: Zwischen Bayern und Preußen geht es, zwischen Mensch und Tier eben nicht.“

Nicht nur für den Infektionsbiologen der Universität Würzburg stellt sich zudem die Frage, ob die Chimärenforschung nicht angesichts neuerer Entwicklungen in der Stammzellforschung auch wissenschaftlich bereits überholt ist. So gelang es Ende 2007 erstmals, Hautzellen in embryonale Stammzellen zu reprogrammieren. Auch Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) setzt auf diese neuen Forschungsansätze, die sogar den Verbrauch von Embryonen für neue Stammzelllinien überflüssig machen würden.

Generell ist die Embryonenforschung auch dadurch in Misskredit geraten, dass sie bislang ihr Versprechen, Hilfe bei der Heilung schwerer Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer zu bringen, bislang auch nicht ansatzweise eingelöst hat. Dagegen gestaltet sich die Forschung mit adulten Zellen, die ethisch unproblematisch aus lebendem menschlichem Gewebe gewonnen werden, vielversprechender. So gibt es erste Erfolge etwa bei der Behandlung von Gehirntumoren oder der Wiederherstellung zerstörten Gewebes nach einem Herzinfarkt. Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich für adulte Stammzellen ist die Regeneration von Knorpeln und Knochen.

Die adulte Forschung bildet denn auch den Schwerpunkt der deutschen Forschungstätigkeit. Embryonenforschung spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle und findet nahezu ausschließlich als Referenzforschung für die adulte Stammzellforschung statt. Derzeit befassen sich deutschlandweit nur rund 25 Forschergruppen mit der embryonalen Forschung.

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