China-Forschung
Die wahre Macht der Kader

Bislang galten die örtlichen Funktionäre der Kommunistischen Partei als ungeliebt und ihre Arbeit als unprofessionell. Doch ein neuer Ansatz der China-Forschung beweist das Gegenteil: Sinologen untersuchen die Effizienz des politischen Systems an der Basis.

DÜSSELDORF. Die Bauern in der chinesischen Gemeinde Lishu im Nordosten des Riesenreichs halten viel von den örtlichen Funktionären der Kommunistischen Partei. In einer Umfrage gaben sie mehrheitlich an, die Parteikader seien "professionell und fähig". Der Ausbau der Infrastruktur mache dank der Leistungen der vom Volk in ihre Ämter gewählten Parteivertreter Fortschritte. Das Ergebnis verblüfft die Fachwelt, denn bisher galten die KP-Funktionäre als ungeliebt - und keiner wusste, ob die Ende der 90er-Jahre eingeführten lokalen Wahlen überhaupt funktionieren.

Dass es überhaupt Umfragen unter chinesischen Bauern gibt, ist neu. Der Wunsch der Herrschenden nach verlässlichen Informationen erlaubt es erstmals ausländischen Forschern, in Kooperation mit chinesischen Universitäten einen Blick auf das Funktionieren des chinesischen Staates auf der untersten Ebene zu werfen. Deutsche Sinologen sind dabei federführend. So befragt der Tübinger Professor Gunter Schubert zurzeit in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt die chinesische Landbevölkerung nach ihrer Einschätzung der Rolle und Bedeutung von Dorfwahlen. Die Ergebnisse verschiedener Umfragen unter insgesamt 200 Bauern, Dorfkadern und höheren Kadern werden in Kürze veröffentlicht.

Das Schicksal Chinas hängt nicht nur von der hohen Politik ab. Für die gefährlich unzufriedenen Bauern aus den armen Gegenden hat der Staat das Gesicht des Genossen vor Ort - Peking ist unendlich weit weg. Je mehr die Bauern den lokalen KP-Vertretern vertrauen, desto positiver sehen sie das System. Das Funktionieren der untersten Parteiebene ist also neben der besseren Verteilung eines nachhaltigen Wachstums der entscheidende Faktor dafür, wie gut sich das Regime halten kann.

"Es geht uns um die Frage, ob die Kommunistische Partei die bisherigen Erfolge ihrer Legitimationsstrategie ausbauen kann", sagt Schubert. "Die Forschung erwägt bisher nicht genug, dass es neben einem räuberischen Kaderregime noch eine andere Welt geben könnte."

Wie überall in China entscheidet in Lishu in der Nordostprovinz Jilin das örtliche Komitee der KP über alle offiziellen Aspekte des Dorflebens. Das letzte Wort hat der Parteisekretär. Die Nummer zwei, der Dorfvorsteher, bestimmt im Tagesgeschäft das Management der Kollektivbetriebe und die Umsetzung der Anweisungen der Gemeindeführung.

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