Daimler-Techniker entwickeln intelligentes Sicherheitssystem
Wenn das Auto die Gefahr schon ahnt

Mit Pre-Safe soll die Mercedes S-Klasse künftig die Unfallgefahr ahnen und die verbleibende Zeit nutzen, um die Insassen auf den Crash vorzubereiten. Einige Experten sehen bereits mit der Weltneuheit, die im Herbst 2002 in der Mercedes S-Klasse in Serie ging, eine neue Epoche der Crash-Sicherheit heraufziehen.

FRANKFURT/M. Manchmal können Forscher auch von ihrer Hauskatze lernen. Als sich das Tier, vom Baum fallend, schnell in Position zur Landung brachte – die Beine vorgestreckt, den Buckel durchgedrückt – da muss es Klick im Kopf von Rodolfo Schöneburg, Chef der Mercedes-Sicherheitsentwicklung, gemacht haben. „Jedes Lebewesen reagiert reflexartig auf plötzlich auftretende Gefahrensituationen“, erläutert der Leiter der PKW-Entwicklung Sicherheit/Fahrzeugfunktionen des Stuttgarter Automobilkonzerns seine Grundidee. Warum sollten das nicht auch Autos können? Die Antwort der Schwaben darauf ist nach sechsjähriger Arbeit das neuartige Sicherheitssystem PreSafe, mit dem die Mercedes-Ingenieure ihren Nobelkarossen erstmals eine Art Reflex einpflanzten.

Mit Pre-Safe soll die Mercedes S-Klasse künftig die Unfallgefahr ahnen und die verbleibende Zeit nutzen, um die Insassen auf den Crash vorzubereiten. Einige Experten sehen bereits mit der Weltneuheit, die im Herbst 2002 in der Mercedes S-Klasse in Serie ging, eine neue Epoche der Crash-Sicherheit heraufziehen. Denn erstmals finden in dem System zwei Welten der Fahrzeugentwicklung zusammen: die passive Sicherheitstechnik, die greift, wenn es für die Vorbeugung zu spät ist, und die aktive, die den Unfall noch zu verhindern trachtet. Für diese Leistung wurde Schöneburg mitsamt seinen Mitstreitern bei Daimler-Chrysler, Karl-Heinz Baumann und Thomas Breitling, für den Deutschen Zukunftspreis 2003 nominiert, der am 13. November von Bundespräsident Johannes Rau vergeben wird.

Der konstruktive Aufwand für das System ist verhältnismäßig gering. Die meisten sensorischen Vorkehrungen am Auto waren dafür längst vorhanden. So sind der Bremsassistent, Anti-Blockier-System (ABS) und das Elektronische Stabilitäts-Programm (ESP) in allen Mercedes-Benz-PKWs serienmäßig eingebaut. Es fehlte nur die Idee, diese Systeme zu verknüpfen. Denn bei der Mehrzahl der Unfälle kommt der Aufprall nicht völlig unvorhersehbar. „In fast drei Viertel aller schweren Seitenkollisionen geht dem eigentlichen Aufprall ein Schleudern des Fahrzeugs voraus“, sagt Schöneburg. „Dieser unkontrollierte Fahrzustand dauert oft mehrere Sekunden.“ Zeit genug, um das Auto in Position zu bringen.

Pre-Safe findet nicht nur Anhänger

Die Signale der Sensoren von ESP, ABS und Bremsassistenten melden künftig dem Zentralcomputer der S-Klasse jedes gefährliche Fahrmanöver – zum Beispiel ein Schleudern, eine Notbremsung oder einen drohenden Überschlag. Sofort fixieren dann die Gurtstraffer den Passagier im Sitz, während seine Rückenlehne per Elektromotor sich aufrichtet, sein Sitzkissen leicht angehoben und seine Sitzposition in optimale Lage zum Airbag gebracht wird. Erkennen die Sensoren zudem, dass der Wagen ins Schleudern zu geraten droht, wird auch das geöffnete Schiebedach geschlossen. Fängt der Fahrer den Wagen ab und kann er den Unfall vermeiden, werden alle Maßnahmen unverzüglich rückgängig gemacht. Vor der Nominierung für den Zukunftspreis war dieses System bereits mehreren Fachmagazinen eine Auszeichnung wert.

Dennoch findet Pre-Safe nicht nur Anhänger. Die bayerische Konkurrenz BMW ist zum Beispiel kein Freund eines solchen Systems. „Wir planen kein ähnliches Feature für unsere Autos“, sagt ein Unternehmenssprecher. Nach Meinung der BMW- Techniker ist eine Veränderung des Umfelds des Fahrers in einer kritischen Situation eher kontraproduktiv. „Wenn sich in einer Gefahrensituation plötzlich der Sitz hoch stellt und der Gurt strafft, könnte dies den Fahrer irritieren“, heißt es.

Doch das haben die Entwickler von Pre-Safe bereits berücksichtigt: Der Sitz des Fahrers wird nicht verändert, lediglich der des Beifahrers. Vom vorsorglichen Spannen der Gurte während des Bremsvorgangs fühlten sich die Fahrer nicht irritiert, versichert Daimler mit Verweis auf Tests. „Die Probanden“, sagt Schöneburg, erlebten bei Vollbremsungen eher ein „stärkeres Sicherheitsgefühl“, als der Gurt sich stramm über die Rippen zog.

Ein Eindruck der sich für Daimler durchaus bezahlt macht. Denn nicht Design oder Leistung, sondern Sicherheit steht für deutsche Autokäufer an erster Stelle. So lebt Mercedes gut von seinem Ruf als Vorreiter in Sachen Sicherheit.

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