Das autobiografische Gedächtnis
Verklärte Vergangenheit

Weißt du noch, damals ...? Viele Menschen schwelgen gerne in Erinnerungen. „Nein, keine Ahnung“ müsste die Antwort eigentlich lauten. Denn was wir wirklich erlebt haben und was nur gehört oder gelesen, das kann keiner auseinander halten. Dennoch glauben wir fest an unsere Erinnerungen. Das autobiografische Gedächtnis des Menschen ist ein Mysterium, allerdings kein unzugängliches.

ESSEN. Doch wie nähert man sich ihm – neurowissenschaftlich, indem man versucht, ins Gehirn hineinzuschauen? Oder eher psychologisch, indem man mit Menschen über ihre Erinnerungen spricht? Am besten beides, findet Harald Welzer.

Der Sozialpsychologe hat sich mit dem Neurowissenschaftler Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld zusammengetan. Sie und ein Stab von Mitarbeitern erforschen, was genau im Hirn passiert, wenn wir uns an unser Leben erinnern – und was sich daran im Laufe der Jahre ändert. Die Forschungsgruppe „Erinnerung und Gedächtnis“ arbeitet am Kulturwissenschaftlichen Institut NRW in Essen, wo Welzer das Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) leitet.

So logisch und zwingend die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Sachen Hirnforschung klingt, so revolutionär ist sie. Dass Sozial- und Naturwissenschaftler nicht die gleiche Sprache sprechen, ist seit langem bekannt. Die Schwierigkeiten, sagt Welzer, beginnen schon dabei, einen gemeinsamen Text zu verfassen, so unterschiedlich sind die Gepflogenheiten, und sie enden bei der Frage, was eigentlich als Forschungsergebnis gelten kann.

„Das Ganze funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass man sich strikt am Untersuchungsgegenstand orientiert und nicht ins Grundsätzliche kommt“, sagt Welzer. „Gibt es einen freien Willen“ – solche Fragen müssen außen vor bleiben. „Wir untersuchen das Gedächtnis, nichts weiter – daran haben wir uns gehalten.“

Dass der Mensch Selbsterlebtes in seiner Erinnerung mit Erfahrungen vermischt, die er gar nicht gemacht hat, war bekannt: Das autobiografische Gedächtnis verarbeitet alles, was es kriegen kann, um sich optimal für zukünftige Herausforderungen zu wappnen. Welzer und Markowitsch interessierten sich dafür, was dabei genau im Hirn vorgeht. „Wir haben untersucht, wie sich mit steigendem Lebensalter die Art des Erinnerns verändert“, sagt Welzer. Je nachdem, woran er sich erinnern soll und wie alt er ist, aktiviert der Mensch die neuronalen Netze seines Gedächtnisses auf verschiedene Arten.

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