Demokratie
Warum es am Sonntag nur Sieger gab

Manche nennen es Propaganda: Nach der Wahl reden sich Politiker zum Wahlsieger, auch wenn sie verloren haben. Offenheit täte ihnen oft besser. Denn Bürger und Parteimitglieder durchschauen das Spiel. Die Folgen können schwerwiegend sein.
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DÜSSELDORF. Aus der Kriegsgeschichte ist das Phänomen gut bekannt. Nach der Schlacht von Borodino 1812 zum Beispiel feierten sowohl Franzosen als auch Russen ihren angeblichen Sieg.

Auch nach den Wahlen am vergangenen Sonntag inszenierten sich die Parteiführer auf allen Seiten als Sieger. Die Gründe dafür sind bei Napoleon und Zar Alexander dieselben wie bei Merkel und Steinmeier: die Motivation der eigenen Anhänger. Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach von der TU Dresden nennt es schlicht "Propaganda": "Mitglieder und Anhänger dürfen nicht das Gefühl haben, bei den Verlierern zu stehen."

Wie man das macht, wusste vor der modernen Kommunikationswissenschaft schon der antike Schriftsteller Onasander. Er rät Feldherren, den Soldaten auf dem linken Flügel zu verkünden, "der rechte Flügel siegt", und dann denen am rechten Flügel zuzurufen, "der linke Flügel siegt". Der römische Historiker Livius berichtet über eine Schlacht, in der die vom Konsul angelogenen Soldaten, "während sie zu siegen glaubten, wirklich siegten".

In den unblutigen Kämpfen der Demokratie jedoch sind die Anführer nicht die einzige Informationsquelle. An diesem Wahlsonntag war die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen, die beim besten Willen keine eindeutigen Sieger zeigten, und den frohen Botschaften der Parteien allzu offensichtlich. Die Journalisten demontierten die behaupteten Sieger und machten sie unglaubwürdig.

Das Eingeständnis einer Niederlage, glaubt Donsbach, könnte bei vielen Wählern, gerade bei denen, die sich sehr stark für Politik interessieren, gut ankommen und vielleicht sogar der Politikverdrossenheit entgegenwirken. Doch setzen die Parteien in der Massenkommunikation lieber auf die einfache Botschaft des Sieges und versuchen mit den Methoden des Marketings, sich ein Gewinner-Image zu verpassen.

Donsbach glaubt dagegen, dass Politiker mit Offenheit durchaus punkten können. "Das sieht man an Wirtschaftsminister zu Guttenberg." Obwohl er für die vermeintlich unpopuläre Opel-Insolvenz plädierte, ist er zum beliebtesten deutschen Politiker geworden.

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