Denisova-Genom: Ein Urmensch wird entschlüsselt

Denisova-Genom
Ein Urmensch wird entschlüsselt

Er hinterließ nur einen Fingerknochen: Der Denisova-Mensch gilt wie der Neandertaler als nächster ausgestorbener Verwandter des heute lebenden Menschen. Jetzt haben Forscher sein Genom komplett entziffert.
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LeipzigEr gilt als einer unserer nächsten Verwandten – doch bis vor zwei Jahren war der Denisova-Mensch noch völlig unbekannt. Dann veröffentlichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Ergebnisse ihrer Erbgutuntersuchung eines fossilen Fingerknochens aus der Denisova-Höhle in Südsibirien. Ergebnis: Das 2008 von russischen Wissenschaftlern geborgene Fundstück stammt von einer vor etwa 40.000 Jahren gestorbenen Vertreterin einer zuvor unbekannten ausgestorbenen Menschenform.

Mittlerweile gilt der Denisova-Mensch zusammen mit dem Neandertaler als nächster ausgestorbener Verwandter der heute lebenden Menschen. Dank verbesserter Techniken gelang es dem Leipziger Forscherteam um Svante Pääbo nun, das komplette Genom des Urmenschen mit hoher Genauigkeit zu entziffern: Jede Base innerhalb des Genoms konnte dabei etwa 30 Mal gelesen werden – im Gegensatz dazu war in der 2010 veröffentlichten Untersuchung jede Position im Durchschnitt nur etwa zweimal sequenziert worden.

„Das Genom ist von sehr hoher Qualität“, sagt Matthias Meyer, der die Technologie entwickelte, die diese technische Errungenschaft erst ermöglichte. „Dieses Genom enthält weniger Fehler als die meisten bislang sequenzierten Genome heute lebender Menschen.“

Die nun vollständige Version des Genoms ermöglicht es, selbst die winzigen Unterschiede zwischen den Genkopien zu unterscheiden, die die Urzeit-Dame von ihrem Vater beziehungsweise ihrer Mutter erbte. Das Denisova-Genom ist das erste in so hoher Qualität vorliegende komplette Genom einer ausgestorbenen Menschenform, es stellt einen immensen Fortschritt in der genetischen Erforschung der menschlichen Evolution dar.

„Wir hoffen, dass Biologen dieses Genom nutzen werden, um genetische Veränderungen aufzuspüren, die für die Entwicklung moderner menschlicher Kultur und Technologie wichtig waren und die es dem modernen Menschen ermöglichten, vor etwa 100.000 Jahren in kurzer Zeit von Afrika ausgehend die gesamte Welt zu besiedeln“, so Pääbo. Die Forscher gehen davon aus, dass das Genom auch neue Aspekte der Geschichte von Denisova-Menschen und Neandertalern offenlegen wird.

Die Leipziger Forschergruppe wird eine nähere Beschreibung des Denisova-Genoms noch in diesem Jahr veröffentlichen. „Wir möchten das Denisova-Genom aber bereits jetzt für alle frei zugänglich machen“, sagt Pääbo. Am Mittwoch (8. Februar 2012) wird daher die gesamte Genomsequenz über das Internet zugänglich gemacht.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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