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Der Blanke Hans kommt zurück

Die Bewohner der deutschen Nordseeküste bleiben von verheerenden Überschwemmungen bedroht. Der Klimawandel verschärft den Kampf gegen Sturmfluten. Im Pazifik ist sogar ein ganzer Staat gefährdet.

DÜSSELDORF. "Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren", dichtete Detlev von Liliencron 1882 in seinem berühmten "Trutz, Blanke Hans!". Tatsächlich ging eine ganze Stadt mit knapp 2 000 Einwohnern 1362 zusammen mit einem großen Teil der damaligen Insel Strand in einer verheerenden Sturmflut unter, der "Groten Mansdränke".

Die Geschichte der deutschen Nordseeküste ist eine vom Kampf des Menschen gegen das Meer, Deiche gegen Sturmfluten (im friesischen Volksmund "Blanker Hans"). Die nordfriesischen Inseln sind nichts anderes als die Reste, die vergangene Sturmfluten übrig ließen. Die deutsche Nordseeküste war so veränderlich wie kaum eine andere weltweit.

Die weltweite Erwärmung und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels könnten den Kampf um Deutschlands Küste künftig wieder aufflammen lassen - die Nordsee, das "Untier", wie es in Liliencrons Gedicht heißt, geht wohl wieder in die Offensive. Die immer höheren und breiteren Deiche konnten in den letzten Jahrhunderten das Vordringen des Meeres aufhalten, und auch die Opfer an Menschenleben blieben verglichen mit den "Mansdränken" 1362 und 1634 gering.

1962 starben in Hamburg und Umgebung über 300 Menschen. Dass die Deiche danach verbessert und erhöht wurden, bewährte sich 1976, als bei einer noch stärkeren Sturmflut die Schäden gering blieben. Doch ohne eine weitere Verstärkung der Deiche wird das Risiko in den kommenden Jahrzehnten wieder deutlich steigen.

Im interdisziplinären Projekt "Klimawandel und präventives Risiko- und Küstenschutzmanagement" (KRIM) haben Forscher ein Szenario für den Küstenabschnitt von der Insel Wangerooge bis Bremerhaven durchgerechnet. "Die Versagenswahrscheinlichkeit für die Deichstrecke bei Minsen liegt heute bei 1: 3000. Für ein Klima-Szenario mit Wasserstandsanstieg von 55 Zentimeter erhöht sie sich um das Vierfache auf 1:800", schreiben Stephan Mai und Anne Elsner vom Franzius-Institut für Wasserbau und Küsteningenieurwesen. "Wenn das Wasser bei Flut im Mittel höher steht, das Vorland des Deiches also kleiner wird, können auch die Wellen höher auflaufen", erläutert Iris Grabmann, Projektmitarbeiterin vom Institut für Küstenforschung in Geesthacht. "Damit steigt das Risiko eines Deichüberlaufes." Ungeklärt sei noch die Frage, ob das Watt mit dem Meeresspiegel mitwachsen. Wenn das so sei, steige das Hochwasser noch ein paar Zentimeter weiter.

Das auf Modellen des Intergovernmental Panel on Climate Change beruhende KRIM-Szenario für 2050 ist zwar pessimistisch, doch da der Klimawandel so schnell nicht aufzuhalten sein wird, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Verhältnisse wie in dem Szenario tatsächlich eintreten, wenn noch nicht 2050, dann ein paar Jahre später. Vor Ablauf dieses Jahrhunderts wird die Erwärmung selbst bei allmählichem Verzicht auf fossile Brennstoffe kaum ganz aufzuhalten sein.

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