Forschung + Innovation
Der Mensch ist seit Urzeiten ein Ufergucker

Die verbreitete Vorliebe fürs Liegen am und Herumwaten im seichten Gewässer geht nach Ansicht eines Berliner Anthropologen auf Urzeiten zurück. „Wir Menschen sind keine Schwimmer, wir sind Ufergucker“, sagt Prof. Carsten Niemitz, Leiter des Anthropologie-Instituts der Freien Universität Berlin in einem dpa-Gespräch.

dpa BERLIN. Die verbreitete Vorliebe fürs Liegen am und Herumwaten im seichten Gewässer geht nach Ansicht eines Berliner Anthropologen auf Urzeiten zurück. „Wir Menschen sind keine Schwimmer, wir sind Ufergucker“, sagt Prof. Carsten Niemitz, Leiter des Anthropologie-Instituts der Freien Universität Berlin in einem dpa-Gespräch.

Auch am vielleicht letzten Sommerwochenende des Jahres dürften deshalb an Seen und Bädern Legionen von Wasserfans herumstehen - ohne ins Wasser zu gehen.

Einer Studie des Instituts am Berliner Wannsee zufolge verbringen erwachsene Badegäste 90 % der Zeit außerhalb des Wassers. Nur zwei Prozent der Zeit schwimmen sie, weitere sechs Prozent stehen sie am Ufer herum und waten im knietiefen Wasser. Für Prof. Niemitz kein Wunder: „Das Sammeln von Fröschen und Schnecken im seichten Wasser ist das, was schon unsere Vorgänger taten. Nur hier fanden sie nämlich das ganze Jahr über, also auch in der Trockenzeit, ein reiches Angebot an tierischem Protein.“

Seiner Theorie zufolge sind die nahrungsreichen Ufergewässer deshalb sogar für den aufrechten Gang des Menschen verantwortlich. „Es gab für vierfüßige Affen sonst keinen triftigen Grund, nicht nur aufzustehen, sondern auch stehen zu bleiben“, sagt der Forscher, der seine unkonventionelle Theorie jüngst als Buch vorstellte („Das Geheimnis des aufrechten Ganges“, Beck). Ergänzend zur Wannsee-Studie präsentiert Niemitz darin deshalb auch weitere Untersuchungen zur tiefen Wasserbindung des Menschen.

So wurden nicht nur Fragebögen nach dem liebsten Ort zum Rasten oder Wohnen verteilt und ausgewertet, sondern es sollten auch 20 Landschaftstypen kategorisiert werden. Fragestellung: Was ist das schönste Idyll? „Die dargebotene Auswahl reichte vom Hochgebirge über Obstgärten bis zum Golfplatz - aber es gab eine eindeutige Priorität für Uferlandschaften“, berichtet Niemitz. „Am besten gefiel eine Szene am Waldrand mit Blick über Wiesen hin zum Wasser - und das ist kein Wunder: Denn es entspricht sozusagen bereits der artgerechten Umwelt des Urmenschen, der im Wald Rückendeckung findet und auf der offenen Wiese und im Wasser Beute finden kann.“

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