Der Mythos soll weiterleben
Biochemiker lüftet Stradivari-Geheimnis

Schon zu seinen Lebzeiten vor 300 Jahren war der italienische Geigenbaumeister Antonio Stradivari ein gemachter Mann. Die Form und Tonqualität seiner Violinen und Violoncelli galt als höchstes Ideal für Streichinstrumente, und ihre Preise waren entsprechend schwindelerregend. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Einige Hundert echte Stradivaris gibt es noch weltweit, und fast jede von ihnen ist einige Millionen Dollar wert.

HOUSTON. Dennoch sollen sich jetzt auch Nachwuchskünstler den einzigartigen Stradivari-Klang leisten können. Denn der Biochemie-Professor Joseph Nagyvary von der A&M-Universität in Texas, selbst leidenschaftlicher Geiger, hat in jahrzehntelanger Forschung das Geheimnis der Stradivaris geknackt. „Die Erklärung für den einmaligen Klang dieser Geigen liegt in der chemischen Behandlung der Materialien“, sagt er. „Wir arbeiten daran, die Prozesse zu erklären und zu kopieren.“

Inspiriert wurde Nagyvary schon früh und von den ganz Großen: Aufgewachsen in Ungarn, entdeckte er als Kind seine Leidenschaft zur Musik durch die Roma- und Sintigeiger und besuchte als Student in Budapest ein Konzert des Violinvirtuosen Yehudi Menuhin. Später gelangte er an die Geige von Albert Einstein und nahm auf ihr Übungsstunden – einer der Grundsteine für seine Forschung: „Ich habe mich immer gefragt, warum Einstein sich diese Geige ausgesucht hat und warum er sich nicht überlegt hat, wie man ihren Klang weiter verbessern kann“, sagt der Wissenschaftler.

Die Fragen ließen ihn nicht mehr los. Auf unzähligen Forschungsreisen begab sich Nagyvary ab Ende der 50er-Jahre in Italien auf die Spuren des berühmten Stradivari. Ein Großteil der Forschung waren dabei eher historische als biochemische Überlegungen: Woher bezog der Maestro das einzigartige Holz für seine Geigen? Was unterschied seine Bauweise von den deutschen Herstellern, die ihr Handwerk oft bei den gleichen Meistern gelernt hatten wie Stradivari selbst?

„Eine wichtige Erkenntnis war zum Beispiel, dass das italienische Wetter viel zu Stradivaris Arbeit beigetragen hat“, sagt Nagyvary. „Denn wegen des feuchten Klimas musste er besonderen Wert darauf legen, dass das Holz nicht verfaulte. Er benutzte eine Fülle von Pilzbekämpfungs- und Holzschutzmitteln, und diese machten die Geigen gleichzeitig härter und widerstandsfähiger.“

Bei der Produktion seiner eigenen Instrumente legt der Wissenschaftler deshalb Wert darauf, sämtliche Schritte möglichst originalgetreu nachzubilden. Das Holz aus den Bergregionen Kanadas oder dem Himalaya soll möglichst langsam gewachsen sein und muss zunächst in Wasser einweichen, damit die einzelnen Zellen quellen und mehr Volumen bekommen. Danach wird es in aufwendigen Prozessen mit Chemikalien und Mineralien behandelt, getrocknet und sogar gekocht. Wenn der Geigenkörper fertig geschnitzt ist, trägt der Forscher weitere Lacke und Holzhärter auf. Insgesamt dauert der Prozess zwei bis sechs Monate, sagt Nagyvary.

Die langjährige Forschung zahlt sich aus: Die American Chemical Society, eine der weltgrößten Wissenschaftsorganisationen, rühmt Nagyvarys Arbeit als „bahnbrechend“, und bei Testvorführungen seiner Nagyvary-Geigen kann das Publikum regelmäßig keinen Unterschied zwischen Original und Nachbau erkennen. „Als ich den vollen, wohlklingenden Ton der ersten Geige hörte, war ich überzeugt: Das ist die Stradivari“, sagt etwa die Violinlehrerin Bridgette Seidel, die in Texas eine Musikschule leitet. „Ich war sehr überrascht, als sich herausstellte, dass dies die Nagyvary- Geige war und ich mich geirrt hatte. Es ist beeindruckend, dass man die beiden selbst dann verwechselt, wenn sie Seite an Seite gespielt werden.“

Vor allem für junge Violinisten will Nagyvary mit seinen Geigen eine Alternative zu den teuren Originalen bieten. Mit Preisen zwischen 5 000 und 15 000 $ sind die Instrumente vergleichsweise erschwinglich, und die Kunden fliegen inzwischen aus der ganzen Welt ein. „Ein sehr talentiertes 15-jähriges Mädchen kam mit seiner Mutter aus Manila“, sagt Nagyvary. „Sie testeten Geigen in den ganzen USA und kauften dann zwei von mir, weil ihnen die Tonqualität am besten gefiel.“

Und er fügt ein weiteres Argument an: „Selbst die Künstler, die auf einer echten Stradivari spielen, können darauf nicht acht Stunden am Tag üben, das strapaziert das alte Instrument. Sie brauchen eine exakte Kopie – meine Geigen können ihnen genau das bieten.“

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