Der Pionier bei Gewebezüchtungen ist pleite
Geschäft mit Knorpelzellen geht nicht auf

Das Ersatzteillager aus der Petrischale: Haut, Knorpen und Knochen von Patienten im Labor züchten. Die Idee galt als viel versprechend. Doch die Tauglichkeit der Transplantate ist bislang weder in langfristigen klinischen Studien erwiesen, noch wirtschaftlich. Bio Tissue Technologies, einst Star am Neuen Markt, ist pleite und hat vor knapp zwei Wochen das Insolvenzverfahren eingeleitet

DÜSSELDORF. Es klingt so einfach. Vor zehn Jahren züchtete Michael Sittinger, Leiter der Forschungsabteilung für Tissue Engineering an der Berliner Charité, Knorpelzellen für eine Untersuchung: „Als ich den Zellhaufen vor mir sah, wurde mit klar, dass man daraus auch ein Produkt machen könnte“, erinnert sich der Wissenschaftler. Das Produkt gibt es mittlerweile, nur mit dem Markt hapert es. Zusammen mit der Freiburger Bio Tissue Technologies AG entwickelte Sittinger künstliche Knorpelzellen mit dreidimensionaler Struktur. Die Idee galt als viel versprechend. Doch die Tauglichkeit der Transplantate ist bislang weder in langfristigen klinischen Studien erwiesen, noch wirtschaftlich.

Sittingers Technik hat zunächst überzeugt. Körpereigene Zellen des Patienten werden so vermehrt, dass sie mit Unterstützung eines Trägermaterials dreidimensionale Strukturen bilden. Die Knorpelzellen, etwa von Arthrose-Patienten, wachsen ein bis zwei Wochen schneller als üblich nach. Am Ende kommen zwei bis drei Zentimeter große Transplantate heraus, die zugeschnitten und häufig sogar ohne offene Gelenkoperation eingesetzt werden können.

Die Idee lockte viel Anbieter

Bei herkömmlichen Operationen spritzen die Mediziner neu gezüchtete Knorpelzellen in kaputte Gelenke, entnehmen ein Stück Knochenhaut an einer anderen Stelle und nähen es über den gespritzten Abschnitt. Sein Verfahren, sagt Sittinger, sei effizienter, verkürze die Operations- und Rehabilitationszeit erheblich und reduziere somit die Kosten.

Künstliche Gewebe, Knochen, die nicht vom Körper wieder abgestoßen werden – angesichts der alternden Bevölkerung schien der Markt für derartige Gewebeprodukte riesig und die Möglichkeiten unendlich. Nicht nur Bio Tissue Technologies, auch andere Unternehmen wie die Alvito GmbH und Orthogen in Düsseldorf versuchen sich daher an der dreidimensionalen Gewebeproduktion.

Bio Tissue gilt als technisch besonders fortgeschritten, ist jedoch unter Wissenschaftler nicht unumstritten. „Man kann nicht einfach beliebig dreidimensionale Knorpelzellen entwickeln und jeden Defekt damit heilen“, gibt Rolf Mülhaupt, Direktor des Freiburger Instituts für Materialforschung, zu Bedenken, der ebenfalls an dreidimensionalen Gerüsten arbeitet. Bio Tissue habe zwar einige schöne Anfangserfolge erzielt. Doch der Forschungsbedarf bei der neuen Technik sei noch enorm, die dauerhafte Haltbarkeit der nachgezüchteten Gewebe noch nicht bewiesen. Über die Kostenseite könne man daher noch keine Aussagen treffen, sagt Mülhaupt.

Krankenkassen blieben skeptisch

Weil die klinischen Langzeiterfolge fehlten, weigerten sich auch die Krankenkassen, für Operationen mit dreidimensionalen Eigentransplantaten zu zahlen. Genau darauf hatte Bio Tissue Technologies jedoch spekuliert.

„Die Technik war interessant, aber das Unternehmen hat sich viel zu viel aufgeladen“, urteilt Alexander Burger, Analyst für Medizintechnik bei der Landesbank Baden-Württemberg. Noch im Geschäftsjahr 2001/02, nachdem der Neue Markt schon lange kriselte, stellten die Freiburger immer noch Mitarbeiter ein. Statt sich auf einen Bereich zu konzentrieren, entwickelten sie eine Fülle von Gewebezüchtungen, vom Hautersatz über zahnmedizinische Knochentransplantate bis hin zu Knorpelprodukten. Einige Produkte, wie das Mundschleimhaut- Transplantat „Bio Seed M“, sind dabei allerhöchstens für Nischenmärkte geeignet.

Schon 2002 schrammte das Unternehmen knapp an der Pleite vorbei. Trotz der miserablen Bilanz mit einem Ebit-Minus von fast 6 Mill. Euro, half ein privater Investor über den Engpass. Die Verhandlungen mit einer zweiten privaten Investorengruppe scheiterten jedoch. Wie es jetzt weitergehen soll, dazu will sich zurzeit weder das Unternehmen noch Sittinger äußern. Der Wissenschaftler hat allerdings schon neue viel versprechende Projekte in Angriff genommen. Diesmal geht es um Knochenersatz.

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