Der VW Käfer wird nicht mehr produziert
Das Ende einer Erfolgsstory

Der Käfer – nun soll er wirklich nicht mehr laufen, zumindest nicht mehr vom Montageband. Auch wenn in den nächsten Tagen noch eine hellblaue und eine beige Nostalgieversion des „Buckligen“ im mexikanischen Puebla zusammengeschweißt wird, sein Ende ist besiegelt. Am 30. Juli ist definitiv Schluss.

PUEBLA. In der vergangenen Nacht fand schon einmal die Trauerfeier in Mexiko statt, doch der Mythos lebt weiter. Auch deswegen, weil sich Menschen an Erfolgsgeschichten gerne erinnern. Und der Erfolg ist belegbar. Er ist verbunden mit dem Aufstieg einer Wirtschaftsnation. Er ist aber auch ein Beispiel für Krisen und Veränderungen.

„Der Käfer ist das erste klassenlose Auto, er symbolisiert Mobilität und Motorisierung breiter Bevölkerungsschichten und steht gleichzeitig für das Wirtschaftswachstum und die Exportkraft dieser deutschen Schlüsselindustrie“, würdigt der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk, das Auto. Und die Botschaft des aufstrebenden, neuen, demokratischen Deutschlands trug der Käfer über sechs Jahrzehnte in die Welt hinaus.

Von den britischen Besatzungsmächten entnazifiziert – schließlich stammte der Auftrag an Ferdinand Porsche zur Entwicklung des Autos von Adolf Hitler – schüttelte er seine Vergangenheit ebenso schnell ab, wie viele deutsche Landsleute. Er wurde zum „Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs, zum guten Botschafter Deutschlands“, wie es der amtierende VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder kürzlich formulierte. Als die Briten Ende 1945 die Serienproduktion des Käfers aufnahmen, drohte den Fabrikanlagen noch die baldige Demontage. Fünf Jahre später war davon keine Rede mehr, VW entwickelte sich mit Niederlassungen in Übersee dank des Beetle „zum Dollar-Devisenbringer Nummer eins der jungen Wirtschaftsnation“, wie es in Wolfsburg heißt.

Die Steigerung der Beschäftigtenzahlen spiegelten das rasante Tempo des Aufstiegs Deutschlands wider. Binnen 10 Jahren hatte sich die VW-Belegschaft bis 1960 auf mehr als 60 000 Mitarbeiter verfünffacht. Der Käfer war der Grundstein für das größte Automobilunternehmen Europas, er begründete auch den Ruf deutscher Ingenieurskunst rund um den Weltball.

Bereits 1955 lief der millionste Käfer vom Band, in den Hochzeiten waren es eine Million Fahrzeuge im Jahr, am Ende werden es weltweit fast 22 Millionen sein. Mehr Autos wurden nur vom Golf und vom Toyota Corolla gebaut. Die Käfer-Geschichte spiegelt aber auch andere gesellschaftliche Entwicklungen wider, lief ihnen zum Teil voraus: Als nach dem Mauerbau 1961 die Arbeitskräfte bei VW knapp wurden, stellte das Unternehmen innerhalb eines Jahres mehr als 3p 000 italienische Gastarbeiter ein. VW führte als eines der ersten Unternehmen die 40-Stunden-Woche ein, und auch die erste große Krise der bundesdeutschen Wirtschaft 1967 kündigte sich mit einem Rückgang des VW-Absatzes um mehr als 200 000 Autos an. In den 70ern, der Zeit der ersten großen Massenentlassungen, müssen mehr als 30 000 Beschäftigte das Unternehmen verlassen. Die Ölkrise beschleunigte den Niedergang des nicht gerade sparsamen Käfers.

Doch bereits zuvor, hatten die Übernahmen der Audi-Vorgänger Auto Union und NSU durch VW das Ende der Käfer-Technik mit luftgekühltem Heckmotor eingeleitet. Obwohl die Technologie schon früher als überholt galt, hatte der Käfer den Wolfsburger Konzern über die Krisen gerettet: Bis heute hat der Golf diese herausragende Position innerhalb des Konzerns inne.

1978 schließlich endet die Ära der in Deutschland produzierten Käfer. Die Kinder des deutschen Wirtschaftswunders können sich mit ihren gestiegenen Löhnen mehr Luxus im Auto leisten. Produziert wird das Auto nur noch im kostengünstigeren Südamerika. Dort, wo auch die Nachfrage nach einfachen und billigen Autos groß ist. Noch, denn auch dort ging die Nachfrage zuletzt rapide zurück. Der Käfer ist dem zum Opfer gefallen, wofür er als Symbol steht: Für den wirtschaftlichen Aufstieg breiter Bevölkerungsschichten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%