Deutsches Forschungsschiff in Japan Die „Sonne“ auf den Spuren des Megabebens

Japan will mit deutscher Hilfe das verheerende Fukushima-Beben von 2011 so genau wie möglich erforschen: Das Forschungsschiff „Sonne“ geht vor Ort mit modernster Technik auf Spurensuche. Ein Besuch im Hafen von Yokohama.
Im Hafen von Yokohama wartet das deutsche Forschungsschiff auf seinen Einsatz. (Foto: M. Kölling)
Forschungsschiff Sonne

Im Hafen von Yokohama wartet das deutsche Forschungsschiff auf seinen Einsatz. (Foto: M. Kölling)

YokohamaDer Hafen von Yokohama hatte jüngst eine deutsche Attraktion. Das Forschungsschiff „Sonne“ dümpelte am besten Platz im Hafen der japanischen Millionenmetropole, dem Osanbashi-Pier, vor sich das japanische Segelschulschiff „Kaiwo Maru“, im Hintergrund ein Kreuzfahrtschiff. „Während wir in unserer Lounge saßen, wurden wir die ganze Zeit von Japanern fotografiert“, erzählt Martin Kölling, Wissenschaftler am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (Marum) an der Universität Bremen und trotz Namensgleichheit nicht mit dem Autor dieses Textes verwandt.

Wahrscheinlich haben die Hafenbehörden dem Schiff aus Deutschland den edlen Liegeplatz mit Absicht zugewiesen. Ein Grund mag die Optik der Sonne sein: Wann kommt schon mal ein ausgewachsenes Hochsee-Forschungsschiff vorbei? Und dann auch noch eines der neuesten Generation, dem man zudem an kleinen Details anmerkt, dass es von Deutschlands Kreuzfahrtspezialisten gebaut wurde, der Meyer-Werft in Papenburg.

High-Tech für die Tiefsee
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Mehr als 110 Meter lang und vollgestopft mit Hightech für die Wissenschaft: Das am Montag in Wilhelmshaven offiziell übergebene deutsche Forschungsschiff „Sonne“ ist das derzeit modernste Fahrzeug seiner Art weltweit.

Bild: Meyer-Werft

Übergabe des Tiefseeforschungsschiffes Sonne
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„Es wird unserer Gesellschaft und der Wissenschaft große Dienste erweisen“, erklärte Forschungsministerin Johanna Wanka (M.) anlässlich der Indienststellung des schwimmenden Labors, das vor allem für Reisen in die pazifischen und indischen Ozeane gedacht ist.

Übergabe des Tiefseeforschungsschiffes Sonne
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Mit seiner Länge von 116 Metern und einer Breite von mehr als 20 Metern gehört die „Sonne“ zu den großen Schiffen in der international renommierten deutschen Forschungsflotte. Es ist für die hohe See gebaut und soll sich insbesondere auf die Erforschung der Tiefsee konzentrieren.

Dabei geht es etwa um die Auswirkungen des Menschen auf die dortigen Ökosysteme, aber auch um Wechselwirkungen, die für ein besseres Verständnis des Klimawandels von Bedeutung sind. Nicht zuletzt wird sie außerdem bei der Suche nach Rohstoffen aktiv sein.

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Ausgerüstet ist das Schiff mit einer Fülle spezieller Geräte – etwa einem modernen Hochleistungsecholot zur Kartierung des Meeresbodens. Dazu verfügt sie über sechs Kräne und neun Winden mit einer Kabellänge von bis zu zwölf Kilometern, mit denen wissenschaftliche Geräte bis auf den Grund hinabgesenkt werden können.

Welche Geräte die „Sonne“ sonst noch an Bord nimmt, hängt von ihrer jeweiligen Mission ab. Auf ihr zum Einsatz kommen wird unter anderem ein drahtgelenkter Unterwasserroboter mit Videokameras und Greifarmen. Die Piloten steuern das Gefährt in der Regel von einem Kontrollzentrum aus, das an Deck des Schiffs in einem Container untergebracht ist. Auch ein spezielles Bohr- und Greifgerät zur Entnahme von Bodenproben aus dem Meeresgrund und Schöpfgeräte für Wasserproben gibt es.

Bild: Meyer-Werft

Forschungsschiff "Sonne"
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Das 124 Millionen Euro teure Forschungsschiff ist mit einem Navigationsystem ausgestattet, das es auch bei widrigen Wetter- und Strömungsverhältnissen exakt in Position hält. Anders wäre das punktgenaue Absenken von Geräten auf dem Meeresgrund gar nicht möglich. Computer übernehmen dabei die Kontrolle über den Antrieb und gleichen permanent alle Bewegungen aus. Für die Auswertung der Daten und Proben stehen an Bord entsprechende Forschungslabore bereit.

Übergabe des Tiefseeforschungsschiffes Sonne
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Für den Betrieb des Schiffs und das Aussetzen und Einholen der Geräte ist eine Mannschaft von 35 Seeleuten zuständig, angeführt von Kapitän Oliver Meyer, hier im Bild. Hinzu kommen bis zu 40 Wissenschaftler, die für begrenzte Zeiträume an Bord gehen. Der Heimathafen des neuen Schiffs ist Wilhelmshaven.

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Nach der feierlichen Indienststellung wird die „Sonne“ schon in den kommenden Wochen in Richtung Panama-Kanal aufbrechen, um in den Pazifik zu gelangen. Dort sowie im angrenzenden Indischen Ozean sollen im kommenden Jahr die ersten Forschungsfahrten unternommen werden.

Bild: Meyer-Werft

Die alte „Sonne“, die 2012 Yokohama besuchte, war ein umgebauter Fischtrawler aus den 1960er Jahren. Die 2014 in Dienst genommene Nachfolgerin ist mit 118 Metern Länge und 20,60 Breite nicht nur deutlich größer und mit ihrem schwarzen Rumpf, den weißen Aufbauten und den roten Kränen fotogener. Sie ist auch viel komfortabler.

Normalerweise sei die Kombüse im Bug unter der Wasserlinie untergebracht, witzelt ein Crewmitglied. Nun liegen Restaurant und Lounge im Vorschiff in gehobener Lage, rote Drehsessel und Panaromafenster inklusive.

Die „Sonne“ auf innovativer Mission

Der zweite Grund für die Vorzugsbehandlung dürfte die große Bedeutung der Forschungsreise gerade für Japans Erdbebenforscher sein. „Wir sind hier recht innovativ unterwegs“, erklärt Fahrtleiter Michael Strasser, externer Mitarbeiter am Marum und Professor an der Universität Innsbruck. Immerhin hilft das Team des Marum den Japanern bereits seit 2012, Mechanismen von Erdbeben besser zu verstehen und eine weltweit einmalige Erdbebengeschichte zu schreiben.

Nirgendwo sonst auf der Welt können Forscher so kurz nach einem geologischen Ereignis von Weltrang die Auswirkungen am Meeresboden so genau erforschen wie in Japan. Am 11. März 2011 wütete ein Mega-Erdbeben der Stärke 9 in einer Region, die von den Japanern in den Jahrzehnten zuvor sehr gut kartographiert worden war.

Was die Wissenschaftler heute untersuchen, war seinerzeit eine Tragödie für die Menschen. In einer Sekunde sprang der Seeboden im Japan-Graben, wo sich die pazifische Platte unter die Ochotsk-Platte schiebt, 50 Meter weit nach Osten. Dies verursachte einen Riesentsunami, der an Japans Nordostküste fast 19.000 Menschen tötete und das Atomkraftwerk Fukushima 1 zerstörte.

Dank der „Sonne“ können die Wissenschaftler nun schon zum zweiten Mal die Spuren des Bebens am Meeresgrund untersuchen. Deutschland hatte damals nach der Katastrophe spontan seine Hilfe angeboten. Und die Japaner nahmen sie dankend an. 

Hoffnung auf ein Erdbeben-Archiv
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