Die Gerüchteküche kocht
Löws Perücke und Mehdorns Vorbild

Flüstern, tratschen, lästern. Gerüchte sind das wohl billigste und zuverlässigste Informationsmedium der Welt. Sie sind schneller als das Internet und noch dazu spottbillig. Jetzt widmen sich Forscher dem Phänomen - und kommen zu überraschenden Ergebnissen.

DÜSSELDORF. Der russische Milliardär Suleiman Kerimow will die Deutsche Bank kaufen. Der Lebensmittelriese Nestlé soll die Antiglobalisierungsbewegung Attac bespitzelt haben. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn sieht sich als Inkarnation seines Vorbilds Napoleon, und Fußballbundestrainer Joachim Löw trägt Perücke.

Gerüchte, nichts als Gerüchte. Manche zufällig entstanden, manche bewusst gestreut. Manche falsch, manche böswillig, manche aber auch richtig, nur unbestätigt. Manche sollen Börsenkurse manipulieren. Andere zum Beispiel die Belegschaft auf Entlassungen vorbereiten.

Gerüchte sind der Nährboden, auf dem Nachrichten wachsen. Sie ticken Probleme an, stiften Verwirrung, geben Anlass zur Recherche und Analyse, sorgen für Neuordnung und verbreiten sich schneller als der Schall. „Gerüchte sind eine höchst ökonomische Form der Kommunikation. Mit keinem anderen Medium ist eine schnellere Verbreitung von Nachrichten möglich“, sagt Manfred Piwinger, Lehrbeauftragter für Unternehmenskommunikation an der Universität Leipzig.

Das Gerücht kann sowohl Mittel als auch Mittler einer Botschaft sein. Informationen werden durch das Gerücht gespeichert und von einer Person auf die andere übertragen. In diesem Sinn ist das Gerücht ein eigen-ständiges Medium – das älteste der Welt. Seitdem Menschen miteinander leben, beunruhigt und verstört das Gerücht durch seine unbestätigten Informationen oder wiegt die Zuhörer in Krisensituationen mit willkommenen Nachrichten in Sicherheit.

Die Forschung will sich nicht auf eine einheitliche Definition einlassen. Grundsätzlich ist unter einem Gerücht eine Botschaft zu verstehen, die allgemein verbreitet wird, ohne dass bekannt ist, ob der Inhalt auch wirklich wahr ist.

Der Begriff „Gerücht“ leitet sich vom lateinischen „rumor“ ab, was so viel wie „Geschrei“ oder „Ruf“ bedeutet. Während das „Geruchte“ im 15. Jahrhundert noch weit umfassend im Sinne von „lautes Schreien, Lärm, Getöse“ verwendet wird, kommt im 17. Jahrhundert die Bedeutung „Ungewissheit“ hinzu, die bis heute das „Gerücht“ ausmacht.

Typisch für das Gerücht ist seine Doppelfunktion: Es ist die Information an sich und gleichzeitig die Form des Weitersagens selbst. Schon die „Fama“, die mythologische Figur, die das Gerücht seit der Antike verkörpert, beinhaltet diese doppelte Funktion. In seinem Epos „Aeneis“ beschreibt Vergil die gespenstisch dämonische Fama als ein Wesen, das „schneller ist als jedes andere Unheil: Beweglichkeit ist seine Stärke, im Eilen gewinnt es an Kraft; aus Furcht klein, erhebt es sich bald in die Lüfte“.

Die Faszination des Gerüchts macht sein Spannungsverhältnis aus: Enthalten gewisse Kinderabziehbildchen tatsächlich LSD anstelle von Leim? Stimmt es, dass man für zehntausend leere Gitanes-Zigarettenschachteln einen Rollstuhl bekommt? Ist Amanda Lear nun doch kein Mann?

Ein Gerücht muss nicht grundsätzlich einen verfälschten oder unwahren Inhalt haben. Diese Auffassung würde zu kurz greifen, denn es existieren auch den Tatsachen entsprechende Gerüchte. Wieweit ein Gerücht der Wahrheit entspricht oder nicht, hängt letztlich vom Kenntnisstand des Rezipienten ab. Ein Gerücht stellt für jemanden, der Zugang zu den entsprechenden Informatio-nen hat, eine Tatsache dar, während andere Personen ohne Zusatzinformation den Wahrheitsgehalt nicht beurteilen können. Deswegen ist vor allem die Frage nach dem Ursprung eines Gerüchts für viele interessant.

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