Die Psychologie von Innovation
„Feiern Sie den Fehler des Monats“

Babykäfige an der Hauswand? Gar keine gute Idee. Digitalkameras schon 1975? Leider zu früh. Ein Gespräch mit dem Innovations-Experten Christoph Burkhardt über die Frage, warum manche Ideen überleben und andere nicht.
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Als Kognitionspsychologe untersucht Christoph Burkhardt die Psychologie von Innovation und berät neben Spitzenuniversitäten und internationalen Organisationen auch Großkonzerne wie Google dabei, ihr kreatives Potential voll auszuschöpfen. Wie das am besten funktioniert, verrät uns der 29-jährige Innovationsexperte im Interview.

Herr Burkhardt, gerade will eine Wiener Biotechfirma per Zufall einen Wirkstoff gegen Alzheimer gefunden haben. Sie sagen aber, dass gute Ideen nicht durch Zufall entstehen. Was ist überhaupt eine gute Idee?
Was wir Zufall nennen, ist oft der Moment, in dem jemand das Problem umdefiniert, für das eine Lösung gefunden werden soll. Oft wirkt es so, als müssten wir für ein Problem, zum Beispiel Alzheimer, eine Lösung finden. In der Praxis ist aber viel häufiger die Herausforderung, ein Problem zu finden, für das eine Idee die Lösung bietet. Gute Ideen beginnen oft mit der Frage nach dem richtigen Problem: Was genau ist eigentlich das Problem, für das wir Lösungen suchen?

Warum sterben so manche Ideen mit Potential, während andere überleben?
1975 brachte Kodak die erste Digitalkamera auf den Markt. Die konnte nur wenige Bilder speichern, hatte aber offensichtlich großes Potenzial. Nur gekauft hat sie keiner. Eine gute Idee, aber zum falschen Zeitpunkt. Kühlschränke mit Internetverbindung sind schon eine Weile auf dem Markt, nur versteht noch keiner, wozu die gut sein sollen. Sobald Menschen klar wird, welches ihrer Probleme eine Idee löst, hat die Idee große Überlebenschancen. Selbst, wenn sie gar nicht so gut ist.

Gibt es einen Trick, eine gute Idee zu erkennen, bevor sie auf der Strecke bleibt?
Das ist nicht einfach. Aber es gibt eine Frage, mit der Sie starten können: Wie viele Menschen ziehen einen Nutzen aus Ihrer Idee? Je mehr Menschen von Ihrer Idee profitieren, desto eher lohnt es sich dranzubleiben. Am Ende ist eine Idee nur dann gut, wenn viele Menschen sie für gut halten.

Haben Sie ein Beispiel für eine aus heutiger Sicht richtig schlechte Idee?
1927 hat man in London Säuglinge im fünften Stock in einen nach Hundezwinger aussehenden, sehr wackeligen Babykäfig gesetzt, der außen ans Fenster montiert wurde. So sollten die Kleinen mehr frische Luft bekommen. Heute wirkt das sehr befremdlich. Definitiv keine gute Idee. Damals aber voll akzeptiert. (Anm.: Hier gibt es eine Videodokumentation der sog. Baby Cages aus dem Jahr 1953)

Wie können Unternehmen denn am effektivsten ihre Innovationskraft steigern?
Viele glauben, dass sie für Innovationen durch einen chaotischen, intuitiven Prozess müssen. Dabei können wir ganz systematisch Innovationskraft steigern, wenn wir drei Prozesse klar voneinander trennen: Erst generieren wir solange Ideen und Lösungen für unsere Fragestellung bis uns wirklich nichts mehr einfällt, dann erst bewerten und entscheiden wir, welche Ideen weiterentwickelt werden sollen. Und erst ganz am Ende machen wir uns Gedanken zur Machbarkeit und zwar mit der Frage, wie und nicht ob wir Ideen umsetzen. Dazu braucht es eine Innovationskultur, die Fehler erlaubt und gute Fehler, aus denen also viel gelernt werden konnte, sogar feiert: den Fehler des Monats wie den Mitarbeiter des Monats.

Kommentare zu " Die Psychologie von Innovation: „Feiern Sie den Fehler des Monats“"

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  • Das Zauberwort ONE heißt Funktions-Patente, d. h. kein anderes Produkt bietet die Lösung der Innovation an. So eine Innovation zu entdecken hat viel mit Glück zu tun und ist deshalb so selten. Mir ist das im Sportbereich mehrfach gelungen.

    Das Zauberwort TWO heißt Kommunikation. Lösung und Problem müssen zusammengeführt werden. Das ist dann nochmals so eine 8.800 Bergbezwingung wie ein Funktions-Patent zu entwickeln.

    Das Hochlohnland Deutschland muss lernen Funktions-Patente zu förder. Nicht die Entwicklung sonder das Fertige Patent.

    Die Amis sind nicht so innovativ wie wir in Europa - 90 % aller jungen Ideen stammen von Migranten. Aber die Amis haben verstanden, dass man Innovationen fördern muss. Die freuen sich für Erfolg. In Deutschland ist man fast ein "Penner" wenn man intellectuell Property entwickelt.

    Auch ich muss über USA gehen - ausser das Handelsblatt gibt mir ein paar mal Seiten um das Gegenteil zu beweisen.

    Das wichtige ist, dass man authentisch bleibt und nicht aufgibt. Aber ich muss ehrlich sagen, dass man hierdurch kaum noch sozial-fähig bleibt. Mein Soziologie Berater sagt hierzu, dass es bis man die Spitze des 8800 erreicht weh tut, man Freunde und Gefährten verliert und dann klopfen sie einem wieder auf die Schulter (sofern man das aushält) ... Schlimm sind die "Innvoations-Hasser" - oftmals bezahtle Lobbyisten und die Lobby-Isten-Gehilfen bezahlen um Innovationen zu verhindern.

    Das Zauberwort THREE lautet "Deep Impact" was bedeutet, dass die Kommunikation nur von oben nach unten geht - die Leute folgen einem "Schäfer" auch wenn der sie in den Abrund führt. Genau diesen 3. 8800er Berg gilt es zu bezwingen. Ich bin gerade in der Phase "DEEP IMPACT"

    Aber auch wenn´s nicht klappen sollten (es geht nur noch um den monetären Part) ... ich bin mit dem bis Heute erreichten zufrieden - Das Zauberwort Four heißt EGO ... mir ist es wichtig nicht für mein EGO zu entwickeln sonder für den Mehr-Nutzen der Consumer

  • Kleinkinder im selbstgebauten Balkonkörbchen wirken heute in der Tat befremdlich, waren aber zu ihrer Zeit sicher eine brauchbare Idee. 1929 war Wirtschaftskrise, in UK herrschte noch Kaminheizung vor, so bekamen die Kleinen wenigstens etwas frische Luft. Es war ganz normal, daß diese Methode wieder verlassen wurde, sobald die Lebensumstände sich wieder besserten.

    Not macht bekanntlich erfinderisch. Beispiele dazu gibt es ohne Zahl.

  • Allzuviel Erfahrung schein der 'Innovationsexperte' noch nicht zu haben. Sonst wüsste er, dass Zufall sehr wohl eine entscheidende Rolle bei Innovationen spielt (in der Wissenschaft u.a. als Serendipity bezeichnet). Selbst in der Evolution (biologisch) spielt der Zufall eine große Rolle. Alles auf Systematik und Prozesse zu reduzieren ist viel zu einfach.
    Sicher kann man über das Thema Innovation ausführlich streiten. Was mich jedoch wundert ist, dass HB von einem (unbekannten) 'Innovations-Experten' wenig Neues und einiges Falsches darstellen lässt.

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