Digitaler Reiseführer
Berliner Smartie

Marco Köhler will Touristen mit einem digitalen Reiseguide begeistern. Geht der Plan auf, mischt er bald mit im riesigen Markt der Fußgänger-Navigation.
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Dieser Trip durch Bangkok war das Grauen. Zwar mühte sich der Reiseführer redlich, seinen Gästen die Sehenswürdigkeiten näherzubringen. Doch das genuschelte Kauderwelsch, im Neckermann-Katalog noch als Englisch angepriesen, verstand kein Mensch. Der Ausflug geriet für den Berliner Marco Köhler zum veritablen Flop. „So etwas wollte ich nicht nochmal erleben“, erzählt der Informatiker.

Nun gehört Köhler, 36, zu der Sorte Mensch, die viel redet, aber auch anpackt, weiterdenkt, besser macht. Ein Mann der Tat eben. So wunderte es zumindest seine Freundin nicht, dass er nach der Rückkehr aus Thailand in den heimischen Keller ging und einen Ytong-Stein hervorkramte. Den schmirgelte Köhler zu einem handschmeichlerischen Rechteck und klebte ein am Computer designtes Display drauf – ein digitaler Reisebegleiter in spe.

Der verwandelte Ytong-Stein ist mit den Jahren ziemlich speckig geworden. Heute liegt er in einer Glasvitrine in Köhlers Firma Cruso. Er hat es geschafft, das Urgestein aus Ytong mit Leben zu füllen. Seit einem Jahr ist Köhler mit seinem GPS-Stadtführer für Fußgänger am Markt. Umständliches Gewurschtel mit papiernen Reiseführern und patentgefalteten Stadtplänen will er mit den Leihgeräten für Touristen überflüssig machen.

Zwei Arbeitskollegen, Felix Holzky und Matthias Tief, holte er gleich mit ins Boot. Das Trio kündigte vor drei Jahren die Jobs beim Fraunhofer Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik, um im eigenen Büro in Berlin-Adlershof die Hardware und Software für den Cruso zu entwickeln. Sie bereiteten eine spezielle Fußgänger-Kartierung vor und sorgten für Audio-Inhalte. Radiojournalisten schrieben Texte für über 300 Sehenswürdigkeiten, die von Profi-Sprechern vertont und mit passender Musik unterlegt wurden.

Seit einem Jahr cruisen Berlin-Besucher mit dem informationsgespickten Guide durch die Metropole. Er navigiert die Neulinge nicht nur, sondern lotst sie wahlweise auch über diverse Sightseeing-Routen. Der schlaue Kasten erkennt sogar, in welche Richtung man gerade blickt – das Display dreht automatisch mit. Zwölf Euro kostet der digitale Begleiter am Tag. „Der Akku hält länger durch als die Nutzer“, verspricht Köhler.

Nachdem in Berlin schon über 3 000 Besucher den Guide samt Kopfhörer ausprobiert haben und in München eine weitere Verleihstation eröffnet ist, wollen die Gründer nun auch Hamburg und Dresden ins Programm nehmen. Das Ziel ist ein Franchise-System. „Kooperationen mit Hotels, Reiseveranstaltern und Stadtvermarktern sind schon festgezurrt“, sagt Köhler. Im nächsten Jahr peilt die Berliner Firma an, 5 000 Exemplare zu verkaufen, dann soll auch eine schwarze Null geschrieben werden. Noch verfolgen zwölf Mitarbeiter dieses Ziel, Ende kommenden Jahres sollen es 30 sein. Köhler, äußerst bodenständig, hält es für die Geschäftsentwicklung mit dem Satz: „Im ersten Jahr ist man tot, im zweiten leidet man Not und im dritten isst man Brot.“

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