Diskussion
Deutsch ohne Zwang

Besser kann PR nicht funktionieren: Über Nacht ist die Herbert-Hoover-Realschule in Berlin-Wedding zum öffentlichen Thema geworden. Experten und Politiker bevölkern Talkshows zu den Themen Diskriminierung und Parallelgesellschaft, polemisieren gegen "Deutschpflicht" oder fordern bundesweite gesetzliche Regelungen.

DÜSSELDORF. Wütende Kritik vor allem türkischer Interessensverbände und regierungsamtliches Lob halten sich die Waage. Dabei haben sich Lehrer, Schüler und Eltern der Berliner Schule schon vor anderthalb Jahren darauf verpflichtet, dass nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Schulhof Deutsch die gemeinsame Sprache sein soll. Das hat die Schulkonferenz mit Zustimmung aller Beteiligten beschlossen.

Die öffentliche Erregung will sich jedoch nicht legen - ein Beweis für den schwierigen Umgang der Deutschen mit Migranten. Genau ein Jahr nach der Einführung des neuen Zuwanderungsgesetzes dringt das Thema Integration langsam erst in das Bewusstsein der Bürger, obwohl mehr als sieben Millionen Ausländer in Deutschland leben und rund ein Zehntel der Bevölkerung einen "Migrationshintergrund" hat.

Es geht bei der Diskussion nicht nur darum, wie die Gesellschaft mit ihren ausländischen Mitbürgern umgeht, sondern um Grundsätzliches: Wie soll Integration aussehen, kann sie erzwungen werden, und worauf verpflichtet sich die Gesellschaft? "Sprachverbote für Minderheiten gab und gibt es in Diktaturen", sagt Rita Süssmuth. Die CDU-Politikerin und ehemalige Bundestagspräsidentin war Vorsitzende der 2000 von der Regierung Schröder eingesetzten Zuwanderungskommission. "Freiwillige Vereinbarungen von Schülern, Pädagogen und Eltern, in der Schule Deutsch zu sprechen und zugleich das Angebot an Sprachunterricht zu erhöhen, können die Sprachkompetenz und das Miteinander kräftig verbessern." Die Welt von heute und morgen brauche gerade aber auch Mehrsprachigkeit, Muttersprache und Fremdsprache(n), "Menschen, die sich in unterschiedlichen Kulturen auskennen und sich wechselseitig bereichern".

Integration über Sprache also. Den wissenschaftlichen Beweis für diese Annahme liefert eine Studie der Arbeitsstelle "Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration" des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, deren Ergebnisse dem Handelsblatt vorliegen. Der Zusammenhang von Sprachkenntnis und Integration geht aus der Studie glasklar hervor: "Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen vergleichbaren Ländern sind gute Kenntnisse in der Landessprache immer noch entscheidende Voraussetzung für Bildungschancen und Erfolg auf dem Arbeitsmarkt", erklärt Karen Schönwälder, Leiterin der Arbeitsstelle. "Bilingualität, also hohe Sprachkompetenz in zwei Sprachen, bleibt die Ausnahme und bringt wenig Ertrag auf dem Arbeitsmarkt." Die repräsentative Studie "Sprache, Migration und Integration", verfasst von dem Mannheimer Soziologen Hartmut Esser, wird in wenigen Wochen publiziert.

Noch hat in Deutschland niemand gefordert, einen Wertekatalog aufzustellen, wie es die niederländische Integrationsministerin angekündigt hat, doch Äußerungen wie die des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm in der Februar-Ausgabe von "Cicero", wer den Begriff Leitkultur ablehne, leugne jegliche kulturelle Dominanz und wolle Beliebigkeit, zeigen, in welche Richtung die Diskussion dreht.

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