E-Paper
Monitor zum Mitnehmen

Eigentlich betreiben die Zeitungsverlage mit ihren E-Paper-Angeboten Etikettenschwindel. Denn „elektronisches Papier“ ist die Hardware, auf denen der Leser die Inhalte unterwegs lesen kann, nicht der Inhalt selbst. Komfortable Lösungen fehlten da bisher. Doch es tut sich etwas. Ein britisches Unternehmen will nun flexible Displays herstellen.

DÜSSELDORF. Deutsche Zeitungsverlage scheinen ihrer Zeit voraus zu sein. Schon seit einigen Jahren bieten sie in ihren Onlineauftritten E-Paper an. Gegen Gebühr und mithilfe eines Passworts können Leser ihre Zeitungen im gewohnten Printlayout im Internet lesen. Im Grunde genommen betreiben sie damit aber Etikettenschwindel. Denn elektronisches Papier ist die Hardware, auf denen der Leser diese heruntergeladenen Inhalte unterwegs lesen kann, nicht der Inhalt selbst. Komfortable, günstige Lösungen fehlten da bisher.

Doch es tut sich etwas. Das britische Unternehmen Plastic Logic will ab dem kommenden Jahr in Dresden pro Jahr eine Million flexible Schwarzweiß-Displays in A5-Größe herstellen. Der Grundstein für die Fabrik wurde vergangene Woche gelegt. Ende 2008 sollen die Geräte zu einem Preis von etwa 150 Euro in die Geschäfte kommen. Konkurrent LG Philips aus Südkorea hatte einige Tage zuvor sogar den Prototyp eines biegsamen Farbdisplays in A4-Größe vorgestellt. Dieser soll nach Angaben des Unternehmens in zwei bis drei Jahren marktreif sein.

Die Technik, auf die beide Hersteller zurückgreifen, gibt es schon seit den 70er Jahren. Damals entwickelten amerikanische Wissenschaftler vom Palo Alto Research Center (PARC) das Verfahren: Millionen mikroskopisch kleiner Kapseln enthalten eine weiße und eine schwarze Seite. Dank ihrer elektrischen Ladung kann jedes dieser Kügelchen, die kleiner als Sandkörner sind, einzeln angesteuert hin- und hergedreht werden. Eine negative Spannung lässt die positiv geladene weiße Seite oben erscheinen und umgekehrt. Mittlerweile hat das amerikanische Unternehmen E Ink die Marktführerschaft bei der technischen Entwicklung übernommen und verkauft die von ihr patentierte elektronische Tinte an die Hersteller von Displays.

Der größte Vorteil des elektronischen Papiers gegenüber den herkömmlichen LCD-Displays ist der niedrige Energieverbrauch, weil sie nur beim Umblättern Strom verbrauchen, denn nur dann muss eine Seite neu aufgebaut werden. Hinzukommt, dass sie wegen des hohen Kontrasts fast genauso gut lesbar sind wie normales Papier, extrem wenig wiegen und sehr dünn sind. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Ganze elektronische Bibliotheken und Zeitungsarchive werden mobil verfügbar, selbst Uhrenhersteller wie Citizen experimentieren mit elektronischer Tinte. Langfristig ließe sie sich auch auf großen Plakatwänden einsetzen.

Ein Nachteil ist, dass sich das elektronische Papier noch nicht falten lässt, da beim Knicken die Kapseln zerplatzen. Daher sind die bisher erhältlichen Lesegeräte von Sony und iRex noch mit einem starren Hintergrund ausgestattet. „Wegen der Knickgefahr hat sich noch kein Hersteller mit einer rollbaren Version an den Markt getraut“, sagt Jürgen Karla, Wirtschaftsinformatiker an der RWTH Aachen. Technisch ist die Herstellung von Displays, die sich zu einer Rolle mit einem Zentimeter Durchmesser rollen lassen, schon heute möglich.

Allerdings bleibt abzuwarten, ob sich Schwarzweiß-Geräte wie die von Plastic Logic am Markt durchsetzen können. „Durch Fernsehen und Internet sind die Leute an Farbe gewöhnt“, sagt Karla. Der LG Philips- Prototyp kann durch einen zusätzlichen Farbfilter 4 096 Farben darstellen. Daran arbeitet auch die Konkurrenz. Plastic Logic will nach eigenen Angaben bis 2010 ein flexibles Farbdisplay auf den Markt bringen. Bis 2012 wollen sie dann ein videofähiges E-Paper entwickeln. Für bewegte Bilder sind die bisher vorgestellten Geräte noch zu langsam.

Langfristig sehen Experten gute Marktchancen für die flexiblen Displays. Bereits für das Jahr 2010 rechnet das südkoreanische Marktforschungsinstitut Displaybank mit einem Marktvolumen von 6 Mrd. Dollar. Bis 2015 soll sich die Zahl nochmal verdoppeln. Davon könnten auch die Zeitungsverleger profitieren: Die bisher überschaubare Anzahl der E-Paper-Abonnenten ginge sicher schlagartig in die Höhe.

Til Knipper
Til Knipper
Handelsblatt / Redakteur
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