Energie-Gewinnung aus dem Meer
Schotten verkaufen erstes Wellenkraftwerk

Auf der Hebrideninsel Lewis im Nordwesten von Schottland schafft der Bau des ersten kommerziellen Wellenkraftwerks der Welt 40 neue Arbeitsplätze. Die Camcal Werft in Stornoway arbeitete bisher für die Off-Shore-Ölindustrie. Nun wird sie im Auftrag der Edinburgher Ocean Power Delivery Ltd. (OPD) drei Pelamis Wellenkraftwerke bauen – Kraftwerke deren Form an eine Seeschlange erinnert. „Als erstes Unternehmen werden wir von einer Entwicklungs- zu einer Produktionsfirma“, freut sich OPD-Geschäftsführer Max Carcas.

LONDON. Die acht Millionen Euro teuren Pelamis-Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 2,25 Megawatt sollen 1 500 Haushalte an der Nordküste Portugals mit Strom versorgen. Auftraggeber ist der portugiesische Stromerzeuger Enersis. Wenn alles gut läuft, soll die Wellenfarm noch 2006 auf eine Kapazität von 15 Megawatt erweitert werden.

Jede 120 Meter lange Seeschlange, so die Übersetzung des griechischen Namens Pelamis, besteht aus vier verbundenen Elementen, die auf den Wellen schaukeln. Die Bewegung wird an den Gelenken auf Kolben übertragen, die hydraulische Generatoren betreiben. Wie Boote richten sich die 750-Tonnen-Schlangen auf die Wellen aus. Sie werden mit schwachem Wellengang ebenso gut fertig wie mit haushohen Wellen, durch die sie einfach durchtauchen.

Für die Briten ist das Meer eine größere Energieressource als der Wind. Die Wellenenergie sei dichter und berechenbarer, sagt Carcas. Theoretisch könnte sie den Strombedarf der Insel dreimal decken. Global wird das Marktpotenzial auf über 800 Milliarden Euro geschätzt – größer als die der Atomenergie. Vorerst allerdings bleibt man bei OPD bescheiden. 2020, wenn der britische Markt für nachhaltige Energien weit über zwei Milliarden Pfund wert sein wird, soll der Anteil der Wellenenergie 200 Millionen Pfund betragen.

Noch ist Wellenkraft aber zu teuer. In Portugal rechnet sich Pelamis nur, weil der Wellenstrom dort mit einem Einspeisepreis von 23,5 Cent pro Kilowattstunde subventioniert wird. Doch die Windkraft hat gezeigt, wie schnell die Kosten sinken, wenn die Volumenproduktion beginnt. „Die Wellenkraft steht heute da, wo die Windenergie vor acht oder zehn Jahren war“, sagt Carcas. Das sieht auch Nick Baker, Wellenkraftspezialist der Uni Lancaster so. „Es gibt keine prinzipiellen technologischen Probleme mehr“, bestätigt der Energieforscher.

Pelamis ist aber nicht das einzige Kraftwerk, mit dem die Energie der Wellen genutzt werden kann. Weltweit werden zahlreiche Alternativen erprobt. Allein in England entwickeln zwölf Universitäten unterschiedliche Prototypen mit denen die Kraft der Wellen in Strom umgewandelt werden kann. Im nächsten Jahr wollen die Briten bei St. Ives in Cornwall einen so genannten „Wavehub“ bauen, über den die Prototypen einfach und ohne aufwendiges Genehmigungsverfahren ans Stromnetz angeschlossen und getestet werden können.

Der Marine Energy Challenge des britischen Carbon Trust – ein unabhängiger, aber staatlicher Risikokapitalanleger – fördert acht der britischen Systeme. Darunter die „Aquabuoy“, eine Boje, deren Auf- und Abbewegung eine Wassersäule in einem vertikal darunter hängenden Rohr unter Druck setzt und auf diese Weise einen Generator antreibt. Der „PS Frog“ der Uni Lancaster ist dagegen eine geschlossene, paddelartige Boje, in deren Innerem die Energie aus dem Widerstand eines Trägheitselements gegen die Wellenbewegung gewonnen wird. Und der „Wave Dragon“ funktioniert nach dem Überschwapp-Prinzip: Eine Welle läuft auf eine Rampe und dann in einen Schacht, in dem eine Wasserturbine arbeitet.

Inzwischen werden auch andere Investoren neugierig. Analyst Arnaud Bouille von der Ernest & Young Renewable Group warnt jedoch übereilige Geldanleger. „Noch hat sich keine Technologie im Langzeitbetrieb bewährt. Die Prototypen sind immer noch sündhaft teuer, und der Markt für Meeresenergie muss erst noch entwickelt werden.“

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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