Entscheidungen
Der Bauch ist kein guter Ratgeber

Komplexe Entscheidungen trifft man besser unbewusst - mit dieser Aussage überraschten niederländische Wissenschaftler vor zwei Jahren die Öffentlichkeit. Doch die These scheint ebenso provokant wie falsch zu sein, wie aktuelle Untersuchungen nahelegen.

DÜSSELDORF. Aktien oder Anleihen? Maserati oder Mini-Van? Landhaus oder Loft? Denken Sie sorgfältig über das Pro und Kontra nach, bevor Sie eine schwierige Wahl treffen! So lautete der Rat der Wissenschaft - bis Ap Dijksterhuis von der Universität Amsterdam Anfang 2006 in der Fachzeitschrift "Science" eine Studie veröffentlichte, die auch außerhalb der Fachwelt für Schlagzeilen sorgte: "Dilemma? Verschwende keinen Gedanken daran", titelte die "Times".

Der Psychologe hatte Studenten Beschreibungen von vier hypothetischen Autos lesen lassen, aus denen sie vier Minuten später jenes aussuchen sollten, das sie am ehesten kaufen würden. Ein Teil der Probanden wurde aufgefordert, in diesen vier Minuten explizit über die Autos zu sinnieren, ein anderer musste währenddessen Anagramme lösen - um das bewusste Nachdenken über die Wahl zu unterbinden. Die war zunächst viel simpler als im echten Leben, denn die Autos unterschieden sich nur in vier Attributen, darunter Benzinverbrauch und Platzangebot. Ein Wagen hatte mehr Pluspunkte als die übrigen, und diesen wählten auch die meisten Teilnehmer.

Das änderte sich, als die Liste der Eigenschaften auf zwölf erweitert wurde. Nur jeder Vierte der bewusst Kalkulierenden entschied sich jetzt noch für die eigentlich beste Option. Von den abgelenkten Probanden aber wählten fast 60 Prozent den besten Wagen. Dijksterhuis? Folgerung: Komplexe Entscheidungen fällt man besser, ohne bewusst nachzudenken. "Wir sollten lernen, unser Unbewusstes die komplizierten Dinge erledigen zu lassen", so der Forscher.

Auch Ben Newell war fasziniert. Der Psychologe von der University of New South Wales in Australien wollte nachprüfen, "unter welchen Umständen man vom bewussten Denken profitiert und wann man eine Entscheidung lieber dem Bauch überlässt". Fazit nach vier Experimenten: "Da ist kein magisches Unbewusstes!" Wie die jetzt im "Quarterly Journal of Experimental Psychology" erschienenen Ergebnisse zeigen, treffen Menschen, die eine schwierige Entscheidung methodisch angehen - etwa durch Auflisten der Argumente - die bessere Wahl.

In seinem ersten Versuch standen vier virtuelle Wohnungen zur Wahl, jede mit Vor- und Nachteilen: schöner Ausblick, aber in mieser Gegend; teure Miete, aber nette Nachbarn; wenige Quadratmeter, aber ein Fitnessraum im Haus. Apartment B besaß die meisten wichtigen Pluspunkte, war also die beste Option für die 71 teilnehmenden Studenten. Die waren in drei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 sollte unmittelbar entscheiden, nachdem sie die Informationen zu den Wohnungen in zufälliger Reihenfolge am Computerbildschirm präsentiert bekam. Gruppe 2 erhielt vier Minuten Bedenkzeit. Gruppe 3 löste in diesen vier Minuten Anagramme, um das Bewusstsein abzulenken und dem Unbewussten Gelegenheit zu geben, zu entscheiden.

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