Entscheidungen treffen
Mach es wie die Ameise!

Einfache Lösungen für komplexe Situationen: Wissenschaftler suchen nach Antworten auf die Frage, warum auch Finanzexperten in Krisensituationen allzu oft falsch liegen. Eine mögliche Erklärung: Die Profis vergessen oft, den einfachen Daumenregeln zu folgen.

DÜSSELDORF. Zu den vielen diskutierten Ursachen der Finanzkrise kommt nach Ansicht von Gerd Gigerenzer noch eine dazu, die Ökonomen normalerweise nicht in Betracht ziehen: „Mangelndes Vertrauen in die eigene Intuition“. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hatte die Bedeutung des Bauchgefühls schon vor neun Jahren gezeigt. Allerdings nahmen ihn die Akteure auf dem Finanzmarkt damals nicht wahr.

Seinerzeit hatte Gigerenzer einfach Passanten gefragt, welche Aktien er kaufen soll. Die meisten hatten keine Ahnung von Aktien – und nannten einfach Firmennamen, die sie schon mal gehört hatten. In sechs Monaten stieg der Wert des Aktienfonds um fast 50 Prozent. Das Bauchgefühl von Hänschen Müller Ahnungslos war dem Rat hochbezahlter Finanzanalysten überlegen.

Gigerenzer ist Heuristiker, er untersucht, nach welchen Regeln Menschen entscheiden – und mit welchen Entscheidungen sie erfolgreich sind. Die Regel, auf die die Passanten in diesem Fall intuitiv zurückgriffen, heißt Rekognitionsheuristik. Mancher Banker dagegen schaffe es nicht, so Gigerenzer, aus der Fülle der Informationen die richtigen herauszufiltern. Er vermutet, dass die Probleme auf dem Finanzmarkt auch damit zu tun haben, dass die Profis vergessen haben, den einfachen Daumenregeln zu folgen, die uns die Natur zur Orientierung mitgibt. Sie sind viel älter als Aktienfonds und Immobilienkredite. Älter sogar als unsere eigene Art.

„Den Bankern könnte man raten: Mach es wie die Ameise!“ meint Gigerenzer. „Die folgt einem Weg voller Windungen und Kurven. Nach rechts, nach links, zurück, hält inne, geht wieder vorwärts. Das ist zwar ein komplexes Verhalten, ähnlich komplex und verwirrend wie der Aktienhandel an der Börse, folgt aber keiner komplexen Strategie.“ Stattdessen folgen Insekten, die nicht einmal ein Gehirn, sondern nur einzelne Nervenknoten besitzen, ganz einfachen Maximen, die sie laufend mit der Umgebung abgleichen. „Die Ameise befolgt vielleicht die einfache Regel: Sieh zu, dass du schnell aus der Sonne kommst, ohne mit dem Klettern über Hindernisse Energie zu verschwenden.“ So bringt man eine optimale Energiebilanz ins heimische Nest. Übertragen auf die Wirtschaft bedeutet das: „Entscheidungen von komplizierten Statistiken abhängig zu machen hilft nicht weiter, kostet nur Kraft. Gute, simple Regeln müssen her. Das spart Zeit und Ressourcen.“

Das Verhalten der Ameise folgt dem „Take the best“-Prinzip. Der wichtigste Grund ist der entscheidende: Steht man zwischen zwei Möglichkeiten, dann lässt man die Intuition eine Rangfolge der Wichtigkeit von Faktoren festlegen. Bei der ersten Priorität beginnend, ist der Faktor der entscheidende, bei dem sich die beiden Optionen zum ersten Mal unterscheiden. Für die Routenwahl der Ameise ist die Schonung der Kräfte ausschlaggebend, sonst sind alle anderen Ziele ohnehin nicht mehr erreichbar.

„Ein komplexes Problem verlangt eine komplexe Lösung, wird uns gesagt. Tatsächlich trifft in schwer vorhersagbaren Situationen eher das Gegenteil zu“, sagt Gigerenzer. „Man muss darauf achten, dass man sich nicht in einem Wald aus Wenn und Aber verirrt.“

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