Erderwärmung
Erschütterung im ewigen Eis

Grönlands Gletscher reagieren schneller als vermutet auf die Erderwärmung - und mit ihnen der Meeresspiegel.

DÜSSELDORF. Am Ende eines langen Winters klingt wie eine Erlösung, was doch eine Katastrophe ist: "Das Eis bricht", titelt die Zeitschrift "Science". Das "ewige Eis", so die Diagnose, ist allzu sterblich. Wenn die Polarforscher richtig liegen, stürzen die Gletscher Grönlands, die teilweise so breit sind wie Manhattan, mit vergleichsweise rasendem Tempo ins Meer.

Was das für langfristige Folgen haben könnte, zeigt der Blick in die Erdgeschichte: Vor 120 000 Jahren lagen die Sommertemperaturen in der Arktis um drei Grad höher als heute, das entspricht mittleren Szenarien für die Erderwärmung bis 2100. Damals war allerdings die sich periodisch ändernde Umlaufbahn der Erde um die Sonne wohl verantwortlich. Eine erhöhte Einstrahlungsrate bedeutet mehr Sonne für die Nordpolarregion. Ein Rückkopplungsprozess verstärkt die Erwärmungs- oder Abkühlungsprozesse - mehr Schnee reflektierte mehr Sonnenenergie. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre folgt der Temperaturveränderung und verstärkt sie weiter. Die aktuelle Erwärmung aber ist wohl durch den Menschen und dessen Treibhausgas-Produktion verursacht.

Jonathan Overpeck von der Universität von Arizona und Bette Otto-Bliesner vom Nationalen Atmosphärenforschungszentrum der USA haben die Verhältnisse während dieser früheren Wärmeperiode simuliert, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Durch Sedimentablagerungen und Korallenriffe ist nachzuweisen, dass sich das Eis in der Nordpolarregion weit zurückgezogen hatte und der Meeresspiegel um mindestens vier Meter höher lag als heute. "Das bedeutet aber nicht, dass die Meere noch in diesem Jahrhundert so weit steigen, selbst wenn damalige Durchschnittstemperaturen bis dahin erreicht sind", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam für Klimafolgenforschung. -Institut "Das Eis braucht seine Zeit zum Schmelzen." Overpeck spricht von "Spitzenraten des Anstiegs des Meeresspiegel von möglicherweise über einem Meter im Jahrhundert". Das "Intergovernmental Panel on Climate Change" ging bisher von 10 bis 80 Zentimetern aus. Dass das Polareis schmilzt, ist bekannt, doch nun wird klar, dass dies viel schneller passiert als bislang angenommen. Hierbei spielen die ins Meer mündenden Polar-Gletscher als Abflüsse des Eises eine entscheidende Rolle.

2003 stellte Göran Ekström von der Harvard-Universität fest, dass Erdbeben in Grönland durch Gletscher ausgelöst werden. Diese "Gletscherbeben" entstehen durch die Reibung des Eises an der Erdkruste. Gletscher sehen zwar unbeweglich aus, doch sie können bis zu 112 Meter im Jahr fließen. Sie verhalten sich langfristig wie ein zäher Brei. Die Fließgeschwindigkeit nimmt in Grönland neuerdings stark und bisweilen ruckartig zu und rüttelt dabei die Erdkruste durch. Die Zahl dieser Beben hat stark zugenommen: Von 1993 bis 2002 waren es nur zwischen 6 und 15, während es 2003 schon 20-mal, 2004 dann 24-mal und bis Oktober 2005 schon 32-mal rüttelte.

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