Europäischer Erfinderpreis 2013
Zugreifen mit der Ikea-Hand

Für das Magazin „Time“ steht David Gows Erfindung auf eine Stufe mit dem Marsrover Curiosity oder dem Mega-Teilchenbeschleuniger LHC in Genf. Tatsächlich hat Gows Kunsthand i-Limb das Leben tausender Menschen verändert.
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DüsseldorfDavid Gow entspricht keinem klassischen Erfinderklischee. Als Junge spielt er lieber Fußball statt im Kinderzimmer Modellflugzeuge zu basteln. Später studiert er an der Universität im schottischen Edinburgh zwar Ingenieurswissenschaften, aber auch da reizt es ihn mehr, die Inhalte zu begreifen als an der Werkbank zu stehen. Als er 1984 einen Bürojob im staatlichen Gesundheitswesen in Schottland, dem National Health Service, annimmt, hätte seine Karriere endgültig in unscheinbaren Bahnen verlaufen können. Denn kaum jemand aus dem öffentlichen Gesundheitswesen hat je etwas erfunden.

Aber es kommt anders. Eine Fernsehsendung der Serie „Tomorrow‘s World“ der BBC verändert Gows Leben. Er sieht Kinder, die ohne Hände geboren werden. Sie können weder einen Schnuller noch einen Beißring greifen. Nie werden sie einem Menschen die Hand schütteln. Denn die Prothesen seinerzeit sind zu klobig für die zarten Kinderhände. Sie eignen sich allenfalls ab einem Alter von neun Jahren.

Doch damit die Betroffenen jemals eine Tastatur bedienen oder eine Tasse heben können, müssten sie möglichst schon in jungen Jahren mit einem künstlichen Ersatz versorgt werden. Schwedische Forscher arbeiten daran, wie in dem Film gezeigt wird. „Ich war fasziniert“, erinnert sich Gow. „Ich begriff, wie wichtig Hände für Kinder sind, damit sie Dinge berühren und spielen können.“ Für den Ingenieur ist von diesem Moment an klar: „Ich wollte eine künstliche Hand für Kinder, aber auch für Erwachsene entwickeln. Sie sollte so klein wie möglich sein.“

Die bisherigen Handprothesen sind alles andere als feingliedrig. Nicht einmal die einzelnen Finger können bewegt werden. Gow möchte aber eine bionische Hand konstruieren, die der natürlichen möglichst in nichts nachsteht. „Ich war besessen von der Idee eines Baukastensystems, einer Art Ikea-Hand, die klein oder groß sein kann, an den linken oder rechten Arm passt“, entsinnt er sich.

Doch seine erste Kunsthand braucht zu viel Energie. Der zentrale Motor, der die fünf Fingergelenke bewegt, erschöpft die Batterie in kurzer Zeit. Gow entschließt sich, die Aufgabe auf ein einfacheres Problem herunter zu brechen. 1989 beginnt er damit, einen künstlichen Daumen für ein fünf Jahre altes Kind zu bauen. Der Finger wird nur einen Zentimeter dick und fünf Zentimeter lang. „Das war der Durchbruch. Denn wenn man einen Finger hat, kann man die ganze Hand bauen. Und man kann tausende Hände in verschiedenen Größen produzieren“, sagt Gow.

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