Europäischer Erfinderpreis
Mit Erdnusspaste gegen den Hunger in der Welt

Mit einer speziell für unterernährte Kinder entwickelten Erdnusspaste hat Michel Lescanne Millionen Leben in den Hungergebieten der Erde gerettet. Dabei stieß seine süße Erfindung zunächst auf breite Ablehnung.
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BerlinWenn man heute Fotoreporter oder Bildredakteure fragt, welches die bedeutendsten Reportagefotos aller Zeiten sind, wird ein Bild selten unerwähnt bleiben. Auf ihm zu sehen sind zwei Lebewesen. Im Vordergrund ein kauerndes, völlig ausgezehrtes Mädchen mit einer Halskette dicker als der Hals selbst. Im Hintergrund ein Kappengeier, der das dürre, kraftlose Bündel Leben fixiert. Der Fotograf Kevin Carter nahm es im März 1993 im Süden des Sudans bei einem kurzen Zwischenstopp eines UN-Versorgungsflugzeugs auf.

Auch Michel Lescanne, Ingenieur für Lebensmitteltechnik und Unternehmer, ist dieses Foto so präsent wie kaum ein anderes. Zu der Zeit, als jenes Foto entstand, dachte er vor allem über eines nach: Wie kann man solchen Kindern besser helfen? Denn längst nicht jedes von der internationalen Lebensmittelhilfe angelieferte Nahrungsmittel ist für die Versorgung hungernder Kinder geeignet.

So hatte der UN-Flieger, an Bord dessen Kevin Carter mitreiste, hauptsächlich Mais an Bord, mit dem die hungernde Bevölkerung an einem Versorgungsstützpunkt nahe dem Dorf Ayod versorgt werden sollte. Mais enthält reichlich Kohlenhydrate, auch Maisöl, und ein wenig Protein. Aber einem Kind, das dem Verhungern nah ist, kann Mais kaum noch helfen. Selbst wenn die Mutter in der Nähe gewesen wäre und eine Ration abbekommen hätte, hätte sie erst noch Holz sammeln, Wasser holen, den Mais stampfen und zu Brei kochen müssen, und das alles mitten in einer Bürgerkriegszone und wahrscheinlich selbst schon halbverhungert.

Und sogar wenn Helfer vor Ort dies übernommen hätten, wäre Maisbrei alles andere als ein ideales Nahrungsmittel für solche Fälle. Zudem seien, so Lescanne, die aufgrund ihres Zustands ohnehin besonders anfälligen Kinder in solchen Versorgungsstützpunkten oft lebensgefährlichen Keimen ausgesetzt gewesen.

Tatsächlich hatte Nahrungsmittelhilfe – egal ob verteilt durch das Welternährungsprogramm der UN oder durch andere Hilfsorganisationen – jahrzehntelang nicht nur mit Problemen mit der Finanzierung und der Logistik zu kämpfen. Ironischerweise lag das Hauptproblem oft bei den verteilten Nahrungsmitteln selbst. Denn Mais, Reis, Hirse und Co. sind zwar, wenn sie trocken in Säcke verpackt sind, gut und ohne Probleme bezüglich der Haltbarkeit zu den Bedürftigen zu bringen. Vor Ort und unter den dort oft schwierigen Umständen allerdings drohen bald Fäulnis, Schimmel, Ratten und dergleichen. Sie sind auch nicht unbedingt die vollwertigsten Nahrungsmittel und müssen zudem erst zubereitet werden, damit ihre Kalorien und sonstigen Inhaltsstoffe wirklich nahrhaft wirken können.

Lebensbedrohlich unterernährte Kinder wie jenes auf Carters Foto haben also oft nur dann eine realistische Chance, wenn sie in speziell dafür eingerichteten Hospitälern mit Speziallebensmitteln versorgt werden. Das allerdings ist nicht nur teuer, es erfordert auch die Bereitschaft der Familie, ihr Kind dort abzugeben - trotz der von Lescanne erwähnten Gefahr durch Infektionskrankheiten an den Versorgungsstationen.

Lescannes Lösung dieses Problems stammt nicht vom Reißbrett und auch nicht aus einem einzelnen Superhirn. Nachdem er und sein damaliger Partner, der Arzt André Briend, bereits alles Mögliche ausprobiert hatten auf ihrer Suche nach einem nahrhaften, praktischen und haltbaren neuen Produkt, soll die Initialzündung schließlich 1996 an einem Frühstückstisch irgendwo in Frankreich gefunkt haben. Auf dem stand neben Café au Lait und Croissants auch eine weithin bekannte Nussnougat-Creme. Als Briend diese auf sein Croissant strich, stand ihm die Lösung des Ernährungsproblems plötzlich klar vor Augen: „Eine Paste!“

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