Europäischer Erfinderpreis
Revolution mit einem Tropfen Blut

In den USA wird Elizabeth Holmes mit Legenden wie Bill Gates oder Steve Jobs verglichen. Ihr Unternehmen Theranos hat das Potenzial, das Gesundheitssystem zu revolutionieren – auch dank der Diskretion seiner Gründerin.
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BerlinElizabeth Holmes erfüllt manch ein Klischee des verrückten Erfinders. Ihre erste Kreation bastelte sie mit 19 Jahren im Keller eines Studentenwohnheims zusammen. Kurz darauf schmiss sie ihr Studium, um sich ganz der Umsetzung ihrer großen Vision zu widmen: Medizinische Geräte zu entwickeln, die Menschenleben retten können. Äußerste Geheimhaltung ist dabei für sie bis heute oberste Priorität. Kaum jemand weiß ganz genau, wie die Technologie funktioniert, die Holmes entworfen hat. Sicher ist aber: Sie hat die junge Frau zu einer der erfolgreichsten Unternehmerinnen der USA gemacht.

Holmes gilt in den USA als Wunderkind der Biotechnologie und wird mittlerweile verglichen mit Gründerlegenden wie Bill Gates oder Steve Jobs. Zwar hat die 31-Jährige ihr Studium zur Chemie-Ingenieurin an der renommierten Stanford-Universität vor zwölf Jahren tatsächlich abgebrochen, doch nur um ihre eigene Firma zu gründen. Und das mit außerordentlichem Erfolg: Holmes Diagnostikunternehmen Theranos im kalifornischen Silicon Valley beschäftigt heute über 700 Mitarbeiter und wird auf neun Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Unternehmensgründerin verfügt über die Hälfte der Aktien, das US-Magazin Forbes kürte Holmes daher unlängst zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt.


Holmes bahnbrechende Erfindung ist ein neues Verfahren zur Blutabnahme und Analyse. Dafür wurde sie jetzt auch mit der Nominierung zum Europäischen Erfinderpreises 2015 in der Kategorie der nicht-europäischen Länder geehrt. „Holmes Innovation hat das Potenzial, den Gesundheitsmarkt grundlegend zu verändern“, sagt Benoit Battistelli, Präsident des Europäischen Patentamts. „Schmerzlos, kostengünstig und mit schnellen Ergebnissen – eine Revolution, gegründet auf einem Tropfen Blut.“

Die traditionelle Blutabnahme ist für viele Menschen ein Albtraum: Eine Arzthelferin bindet den Arm ab, sticht die Nadel einer Spritze ganz langsam in eine Vene ein und zieht ebenso langsam Blut heraus, bis mehrere Röhrchen gefüllt sind. Holmes zitiert gerne Studien, nach denen 40 bis 60 Prozent aller von Ärzten angeordneten Bluttests gar nicht durchgeführt werden. Einer der Gründe dafür, so Holmes, sei die Angst vor Spritzen.

Der schnelle Weg zur besten Behandlung

Auch Holmes kann Blut nicht sehen. „Ich war immer der Meinung, dass die klassische Blutabnahme als Folterexperiment gelten könnte“, sagt sie. Letztlich war es diese Aversion, die sie auf ihre Idee brachte. Allerdings geht es der jungen Erfinderin um viel mehr. Sie hat eine Mission. „Jeder weiß, dass es möglich ist, Menschen am Leben zu halten, wenn Krankheiten wie Krebs rechtzeitig erkannt werden“, sagt sie. „Aber wenn Menschen sich nicht testen lassen, weil sie Angst vor Spritzen haben, erfährt man erst zu spät, dass sie sehr krank sind.“

Deshalb ist für Holmes der rechtzeitige Zugang zu den relevanten Daten der Kern eines optimalen Gesundheitssystems. „Wir arbeiten an einer Welt, in der Früherkennung und Vorsorge Realitiät sind“, betont sie. Daher auch der Name der Firma: Theranos steht für eine Verküpfung aus Therapie und Diagnose. Patient und Arzt sollen es so einfach wie möglich haben, an Laborergebnisse zu kommen. Theranos will das zunächst durch eine Zusammenarbeit mit Amerikas größter Drogeriekette Walgreens erreichen und hat schon in 41 Filialen in Kalifornien seine „Wellness Center“ eröffnet.

Im Wellness Center macht eine Krankenschwester mit einem Blutabnahmestift einen winzigen Pieks in die Fingerkuppe. In einem kleinen Proberöhrchen, dem „Nanotainer“, wird ein Tropfen Blut gesammelt, steril verpackt und an die Labore von Theranos geschickt. Innerhalb von meist nur vier Stunden liegen die Ergebnisse der Blutanalyse vor – bei klassischen Verfahren braucht dies meist mehrere Tage – und sind für Patient und Arzt online abrufbar. Der Arzt kann sofort die beste Behandlung in die Wege leiten.

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