Evolutionstheorie
Auf Überleben programmiert

Als Lebewesen sind wir mit Dispositionen ausgestattet, gegen die wir uns im Sinne des Überlebens nicht entscheiden können, die aber umgekehrt unsere Entscheidungen, unser jeweiliges Tun und Handeln beeinflussen – und zwar oft in stärkerem Ausmaß, als uns lieb ist. Zur Nahrungsaufnahme, zum Schlaf oder zum Urinieren haben wir keine Alternativen. Diesen physiologischen Gegebenheiten müssen wir beständig nachgeben, auch dann, wenn wir „rational“ gerade etwas anderes vorhaben. Die bestens vorbereitete Präsentation von Bilanzen anlässlich einer Aufsichtsratsitzung kann sich bei leerem Magen oder voller Blase in einen peinlichen Auftritt verwandeln. Und sie wird auch nichts, wenn man vor extremer Müdigkeit die Augen nicht mehr offen halten kann. Unsere Natur lässt sich nicht beschwindeln.

Es leuchtet ein, dass wir in unserer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sind, wenn es ums nackte Überleben geht. Bei knappen Ressourcen haben wir überhaupt keine Wahl, wir müssen nehmen, was wir zwischen die Zähne kriegen. Doch selbst in unserer Überflussgesellschaft werden unsere Entscheidungen stets von Präferenzen und Neigungen mitgetragen, die wir von unseren stammesgeschichtlichen Vorfahren ererbt haben.

So tendieren wir in der Regel dazu, im Supermarkt mehr Nahrungsmittel und Getränke einzukaufen, als wir tatsächlich unmittelbar benötigen. Das lässt sich sozusagen als Erinnerung an die Gewohnheiten unserer steinzeitlichen Vorfahren deuten. Die nämlich waren gut beraten, im Falle plötzlicher reicher Beute so viel zu fressen, wie sie nur konnten, weil nicht gewährleistet war, dass sich demnächst wieder eine solche Gelegenheit bieten wird. Heute freut sich der Steinzeitmensch in uns beim Anblick schmackhaft aussehender Sachen, die er überall vorfindet und sofort erwerben und verzehren kann. Er kann sich schwer kontrollieren und weiß nicht, wann er genug hat. Von diesem „Unwissen“ leben jetzt Kardiologen, Diätapostel, Schlankheitsfarmen und Verfasser von Büchern über „gesunde“ Ernährung; und sie alle leben recht gut, sie profitieren vom stammesgeschichtlichen Erbe unserer Gattung und der in diese eingepflanzten Unvernunft.

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