Evolutionstheorie
Auf Überleben programmiert

Aber wir alle sind nicht nur als Gattung – evolutionär – bebürdet, sondern tragen noch eine zweite Bürde mit uns herum, nämlich die unserer jeweils eigenen Biografie. Hierbei tut sich ein weites Feld auf, das – wenn überhaupt – „objektiv“ nur mühevoll vermessen werden kann.

Wir alle sind von einer geradezu erdrückenden Fülle von Wahrnehmungen, Erlebnissen, Erinnerungen und Eindrücken belastet, die mit zunehmendem Alter naturgemäß immer mehr werden. Gewiss, wir vergessen oder verdrängen vieles, jedenfalls ist uns nicht alles, was wir jemals wahrgenommen oder erlebt haben, in jedem Augenblick unseres Lebens gegenwärtig. Anders wäre es auch kaum auszuhalten. Aber in den hintersten Winkeln unseres Gehirns bleibt letztlich alles gespeichert, was uns jemals, im Guten wie im Schlechten, widerfahren ist.

Haben Sie nicht auch schon einmal darüber gestaunt, warum Ihnen, während Sie sich beispielsweise die Abendnachrichten im Fernsehen anschauen, plötzlich eine Person in den Sinn kommt, die Sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen haben? Oder warum sich Ihnen etwa bei einem Stadtbummel durch Hamburg Ihr zwanzig Jahre zurückliegendes Examen in Wirtschafts- und Sozialgeschichte jäh in Erinnerung ruft? Unser Gehirn, so scheint es, hat die Möglichkeit, eine geradezu astronomische Zahl von Assoziationen zu knüpfen, Gegenwärtiges mit früher Erlebtem zu verbinden.

Und dann sind da auch noch die Prägungen, die wir schon in der Kindheit erfahren haben und die für Verhaltensforscher, Psychologen und Psychotherapeuten bei der Einschätzung des jeweiligen individuellen Verhaltens von großer Bedeutung sind. Die Angst vor Spinnen, die Neigung zu Schlamperei, die Abneigung gegen Kartoffelpuffer, die Bevorzugung der Farbe Blau – man nehme, was man will, nichts kommt von ungefähr, alles hat seine Ursachen in unserer individuellen Lebensgeschichte, die uns zwar teilweise verborgen bleibt, auf unsere Entscheidungen und unser Handeln aber sehr wohl Einfluss nimmt. Die Idee der Wahlfreiheit, die Vorstellung von der „rational choice“ der Ökonomen werden also endgültig obsolet.

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