Experten reagieren abwartend
Insulin zum Einatmen

Anfang der Woche gibt es für Diabetiker in Deutschland erstmals Insulin zum Einatmen statt zum Spritzen. Von den Testpatienten wurde es gut angenommen, Experten reagieren jedoch abwartend auf die Innovation.

HB BOCHUM/KARLSRUHE. „Die neue Technik kann für einzelne Patienten sinnvoll sein – eine Revolution der Diabetesbehandlung ist sie aber nicht“, sagt der Vorsitzende des Pharmakotherapieausschusses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Prof. Harald Klein von der Universitätsklinik Bergmannsheil Bochum. Patienten mit Angst vor Spritzen könnten so aber möglicherweise schneller von der Notwendigkeit einer Insulin- Behandlung überzeugt werden.

Das Arzneimittel war Ende Januar in der EU und in den USA zugelassen worden. Entwickelt hat es der Pharmakonzern Pfizer gemeinsam mit dem französischen Unternehmen Sanofi-Aventis und der US-Firma Nektar Therapeutics. Von Montag an soll es unter dem Handelsnamen Exubera in den deutschen Apotheken stehen. Das Mittel ist laut Hersteller besonders für Patienten mit Typ-II-Diabetes (Altersdiabetes) geeignet, die ergänzend zu blutzuckersenkenden Tabletten Insulin zu den Mahlzeiten brauchen. Das rasch wirksame Insulinpulver wird mit Hilfe eines Geräts in Größe eines Brillenetuis inhaliert. Bisher müssen Diabetiker Insulin spritzen.

„Von den Patienten wurde es in den Studien gut angenommen“, unterstreicht DDG-Fachmann Klein. Auch ist für ihn die Idee, das lebenswichtige Hormon mit einem tiefen Atemzug über die Lunge in den Blutkreislauf zu pumpen, eine Innovation. „Es ist eine völlig neue Methode, Insulin in den Körper zu bekommen.“ Doch, so meint er: „Diabetes kann mit anderen Möglichkeiten genauso gut behandelt werden.“ Es sei eher unwahrscheinlich, dass der Großteil der rund sechs Millionen Altersdiabetespatienten – etwa sechs bis acht Prozent der Bevölkerung – nun auf die neue Methode umsteige.

Zum einen könnten sich Patienten mit einem kugelschreiberähnlichen Pen heute relativ schmerzarm und unproblematisch Insulin injizieren, zum anderen sei das Medikament schon wegen der höheren Kosten in großem Stil „politisch nicht durchsetzbar“. Das Insulin zum Einatmen soll bis zu drei Mal teurer sein als andere Formen.

Während die einen das inhalierbare Insulin als „Meilenstein“ feiern, lehnen andere es als unnötig ab. So sieht das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) „bislang keinen Nachweis für therapeutischen Zusatznutzen“. Es verweist zudem auf ungeklärte Langzeitrisiken. Das im Zuge der Gesundheitsreform gegründete und aus den Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung finanzierte Institut ist nach eigenen Angaben im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen tätig. Der Ausschuss entscheidet, welche Leistungen von den Kassen übernommen werden. Für das inhalierbare Insulin hat der Ausschuss noch keine Entscheidung gefällt.

Diabetes-Experte Klein kann sich im Bereich der Vorsorge durchaus positive Effekte vorstellen. „Auch aus unbegründeter Angst vor dem Spritzen wird in Deutschland häufig viel zu spät mit der Insulin-Behandlung begonnen.“ Mit schlimmen und teuren Folgen: vom Herzinfarkt über Nierenerkrankungen bis hin zur Erblindung oder Amputation. Mit dem neuen Medikament könnte nach seiner Einschätzung, zumindest bei einigen Patienten, eine „psychologische Hürde“ leichter überwunden werden. Auch der schnelle Wirkungseintritt sei ein Vorteil.

Allerdings sieht Klein auch einige Nachteile. Die neue Methode sei sehr viel teurer, unter anderem weil durch das Inhalieren mehr Insulin als mit der Spritze gebraucht werde: Ein Teil bleibe im Gerät oder auf dem Weg in die Lunge hängen. Nicht zugelassen sei das Medikament für Raucher, da Rauchen zu einer erhöhten Aufnahme von Insulin in der Lunge und damit zur Unterzuckerung führen könne. Auch Patienten mit schwerem Asthma und Lungenerkrankungen, Schwangere und Kinder dürften das Insulin nicht inhalieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%