Fälschungsvorwürfe gegen Frankfurter Anthropologen erhärtet

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Fälschungsvorwürfe gegen Frankfurter Anthropologen erhärtet

Nach massiven Vorwürfen, Menschenschädel-Funde falsch datiert zu haben, hat sich der Frankfurter Anthropologe Reiner Protsch von Zieten in den Ruhestand versetzen lassen.

dpa FRANKFURT/MAIN. Nach massiven Vorwürfen, Menschenschädel-Funde falsch datiert zu haben, hat sich der Frankfurter Anthropologe Reiner Protsch von Zieten in den Ruhestand versetzen lassen.

Das teilte die Universität am Donnerstag mit. Der Bericht einer hochschulinternen Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten hatte zuvor Fälschungs- und Plagiatsvorwürfe erhärtet.

Der Forscher soll unter anderem das Alter bedeutender Fundstücke von Menschenschädeln um mehrere zehntausend Jahre gefälscht und eine Schimpansenschädel-Sammlung aus dem Besitz der Universität zum Verkauf angeboten haben. Die Hochschule will das im Juni 2004 eingeleitete Disziplinarverfahren gegen den 66-Jährigen weiter betreiben, das derzeit aber noch ruht, weil die Staatsanwaltschaft wegen versuchter Unterschlagung gegen Protsch ermittelt.

Die Universität stützt ihre Entscheidung auf den bereits im Januar vorgelegten, aber erst am Donnerstag bekannt gewordenen Abschlussbericht einer hochschulinternen Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, der die Vorwürfe erhärtet hat. „Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass Prof. Protsch im Verlauf der vergangenen 30 Jahre immer wieder wissenschaftliche Fakten gefälscht und manipuliert hat“, teilte die Hochschule mit. Die Kommission erhebt aber auch Vorwürfe gegen die Universität.

Professor Protsch hat nach Auffassung der Kommission sein Amt in hohem Maße missbraucht und sich dafür sowohl fachlich als auch mit seiner Amtsführung disqualifiziert, wie die Hochschule mitteilte. Er habe Auftraggeber von Schädeldatierungen getäuscht und das geistige Eigentum anderer missbraucht oder gestohlen (plagiiert). Seine Regelverletzungen habe er systematisch verschleiert, sich Gegenstände aus dem Eigentum Anderer rechtswidrig angeeignet oder falsche Herkunftsangaben gemacht.

Frühere Hochschulleitungen seien dem spätestens vor 21 Jahren bekannt gewordenen massiven Fehlverhalten des Anthropologen aber auch nicht konsequent genug nachgegangen, kritisiert die Kommission in dem Bericht. Die Mitarbeiter des Instituts, der Fachbereich Biologie und Informatik sowie die Hochschulverwaltung seien „in unterschiedlichem Umfang mitverantwortlich dafür, dass die intern offenbar teilweise bekannten Vorgänge erst seit Januar 2004 rekonstruiert und die Beweise gesichert werden konnten“.

Protschs Anwalt war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Die Kommission hat Protschs schriftliche Stellungnahme zu ihrem Bericht geprüft, darin aber keinen Hinweis auf eine veränderte Beurteilung gefunden, wie die Universität mitteilte. Der Beschuldigte selbst hatte nach einem Bericht der „Frankfurter Neuen Presse“ vom 14. Januar die Ergebnisse des Kommissions-Berichts weitgehend zurück gewiesen. „Das war ein Inquisitionsgericht. Die haben keinen einzigen harten Beweis gegen mich vorliegen“, zitierte ihn die Zeitung.

Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Doris Möller-Scheu. Es müssten noch Zeugen gehört und ein Gutachten abgewartet werden. Ergebnis des Disziplinarverfahrens ist nach Darstellung der Universität voraussichtlich die teilweise oder vollständige Aberkennung des Ruhegehaltes.

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