Fassadenprinter
Volles Rohr gegen die Wand

Michael Haas und Martin Fussenegger machen mächtig Druck: Mit ihrem Fassadenprinter nach dem Paintball–Prinzip verzieren sie gleich ganze Häuserwände. Nicht nur die Werbebranche wittert ganz neue Marketingmöglichkeiten - auch Greenpeace ist interessiert.
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BERLIN. Die Farbkanone ist schussbereit. Zwei Elektromotoren surren und richten den gut 30 Zentimeter langen Lauf aufs Ziel. Dort, einige Meter entfernt an einer Hauswand in Berlin-Kreuzberg, tänzelt der rote Lichtpunkt eines Laserstrahls und markiert die Stelle, an der gleich das Projektil aufschlagen wird. Dann ein zischender Knall, und augenblicklich färbt sich die anvisierte Stelle rot. Treffer!

Was die beiden Erfinder Michael Haas und Martin Fussenegger da vorführen, ist nicht die nächste Generation von Graffiti oder Paintball – die beiden sind Geschäftsführer von Facadeprinter und sehen sich als Avantgarde der Informationsvermittlung. „Wir wollten ein neues Druckmedium erfinden“, sagt Fussenegger. „Unser Gerät ist ein Tintenstrahldrucker im architektonischen Format.“

Die Parallelen sind nicht zu übersehen: Eine umfunktionierte Paintball-Kanone verschießt kleine Farbkügelchen, so wie ein Tintenstrahldrucker kleine Tintentropfen aufs Papier feuert. Nur dass die beiden Erfinder kein Papier, sondern Hauswände als Untergrund verwenden.

Und wozu soll das gut sein? „Mit unserem Drucker lassen sich provisorische Wegweiser schnell und gut sichtbar auf Gebäuden anbringen“, sagt Haas. Er denkt dabei auch an Katastrophen, bei denen die öffentliche Infrastruktur samt Beschilderung zerstört wird. Krankenhäuser oder Sammelstellen könnten im Krisenfall schnell markiert werden. Die Japan Design Foundation erkannte diesen Bedarf – und lud Haas und Fussenegger 2007 in das regelmäßig von Erdbeben heimgesuchte Land ein, um ihre Idee auf dem „Robo Forum“ in Osaka vorzustellen. Wenn es nach den beiden Erfindern geht, fahren in Zukunft Jeeps der Vereinten Nationen oder des Technischen Hilfswerks mit aufgepflanzten Farbkanonen durch Krisen- und Kriegsgebiete, um Orientierung zu garantieren. „Communication in Crisis“ haben sie ihr Konzept getauft.

Daneben sehen Haas und Fussenegger auch Potenzial für Marketinganwendungen. „Mit unserem Drucker lassen sich Flächen auf spektakuläre Art und Weise bedrucken“, sagt Fussenegger. „Und die Zuschauer können live miterleben, wie das Bild aus den einzelnen Farbpunkten entsteht.“ Bei der Karlsruher Ausstellung „Wahlheimat“ druckten die beiden einen vier mal vier Meter großen Bundesadler aus 1 700 Farbpunkten – in nur zwölf Minuten war die Wand fertig. „Die Zuschauer waren beeindruckt“, sagt der 29-jährige Haas.

Wo es um Aufmerksamkeit geht, ist auch Greenpeace nicht weit. Und so trafen sich Haas und Fussenegger letztes Jahr im Hamburger Hafen mit der „Action Unit“ der Umweltaktivisten, die beispielsweise Schiffe für Aktionen umrüstet. „Wir haben gemeinsam überlegt, was Greenpeace mit unserem Drucker anstellen könnte“, sagt Fussenegger. „Als Demonstration haben wir einen großen Wal an die Wand gedruckt.“ Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich allerlei spektakuläre Einsatzmöglichkeiten bei den Aktionen der „Regenbogenkrieger“ auszumalen.

Dass die beiden Erfinder überhaupt so weit gekommen sind, verdanken sie einer Mischung aus unkonventionellem Denken und Hartnäckigkeit. Haas und Fussenegger, beide diplomierte Produktdesigner, haben sich beim Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe kennengelernt. Schon damals waren sie von allem angezogen, was aus dem Rahmen fiel. Eines ihrer ersten gemeinsamen Projekte war ein 3D-Projektor, in dem schwebende Styroporkügelchen von Diaprojektoren mit Licht bespielt wurden. Und auch über eine Transatlantikbrücke haben sich die zwei damals Gedanken gemacht. Die Idee für den Fassadendrucker kam Martin Fussenegger im Jahr 2003 aus dem Nichts. „Ich saß an einem Fluss“, erinnert sich der 31-jährige Schwabe. „Dort stand ein Brückenpfeiler mitten im Wasser, auf dem ein farbiger Punkt war.“ Seine erste Frage lautete: Wie mag er wohl dahin gekommen sein? Und dann: Wie lassen sich über solche Punkte Informationen darstellen?

Der Verdacht lag nahe, dass die Markierung an der Brücke mit Hilfe einer Paintball-Pistole zustande gekommen war. Bis zu einer zuverlässig funktionierenden Maschine war es aber noch ein weiter Weg. „Wir mussten lange nach dem besten Paintball-Lauf suchen“, erinnert sich Haas. „Er bestimmt die Genauigkeit der Abbildung.“ Auch die perfekte Munition war nicht leicht zu finden, weil es bei Paintball-Kugeln keine Normen gibt. Die beiden probierten alles aus, was ihnen in die Finger geriet. Auch verglichen sie Beständigkeit und Viskosität der Farben – manche von ihnen laufen ein wenig an der Wand herunter, was für bestimmte Bilder durchaus ein Vorteil sein kann.

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