Fernsehverhalten von Zuwanderern
Sehnsucht nach der heilen Welt

Die Geschichten in deutschen Serien erscheinen türkischen Zuschauern oft fremd. Sachlich, sehr distanziert, so erleben sie das Programm. Studien zum Fernsehkonsum belegen, dass die deutschen TV-Sender türkische Zuwanderer kaum erreichen. Nun planen Programm-Macher neue Formate.

DÜSSELDORF. Familie Özdag kommt ins Fernsehen. Vater Hasan, seine Frau Aliye, sieben Kinder und vier Enkel sind die Hauptdarsteller der Doku-Serie "Die Özdags", die der WDR ab Januar 2007 ausstrahlt. Es geht um den Alltag einer türkischen Familie, die seit drei Generationen in Deutschland wohnt.

Damit wagt sich der Sender an eine Zielgruppe, die Programm-Macher lange ignoriert haben. Türkische Zuwanderer fanden sich und ihre Themen bisher nicht im deutschen Fernsehen wieder, lieber schauen sie stattdessen Sendungen aus der Heimat. "Heute gibt es digitale Satellitensysteme, mit denen sich in Deutschland bis zu 80 türkische Programme empfangen lassen", sagt Joachim Schulte, Geschäftsführer des Berliner Marktforschungsinstituts Data4U. Seit mehr als 15 Jahren erforscht er die Mediennutzung von Türken in Deutschland. Die Dauer der Nutzung türkischer Sender habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, sagt Schulte. Türkische Migranten sehen im Schnitt vier bis fünf Stunden täglich fern; in 80 Prozent der Zeit schauen sie türkischsprachige Programme.

Schulte ist einer der wenigen Experten, die überhaupt Angaben zum Fernsehverhalten von Zuwanderern machen können. Zu seinen Auftraggebern zählen Unternehmen wie Henkel, Daimler-Chrysler oder Procter & Gamble, Unternehmen, die erkannt haben, dass die Kaufkraft von drei Millionen türkischen Zuwanderern in Deutschland nicht zu verachten ist.

Kein Interesse für den Fernsehkonsum der Türken zeigt dagegen die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die Einschaltquoten für die deutschen Fernsehsender ermittelt. Zur Berechnung von Einschaltquoten und Marktanteilen erfasst die GfK nur deutsche Staatsbürger und EU-Ausländer - Türken ohne deutschen Pass fallen aus der Statistik.

Besonders die öffentlich-rechtlichen Sender könnten künftig unter Druck geraten. Sie erhalten die Rundfunkgebühren, um ein Programm für alle Menschen im Land zu machen. "Wenn herauskommt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender drei Millionen Türken im Land gar nicht erreichen, passt das nicht mit dem Programmauftrag zusammen", sagt Schulte. Die türkischsprachigen Medien befassen sich dagegen ausführlicher mit der Lebenssituation der Türken und mit ihren Chancen und Problemen in Deutschland. Sie hätten daher eine wichtige Bedeutung für die Integration, sagt Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien der Universität Duisburg-Essen. Dass türkische Mitbürger türkische Medien nutzen, sei "kein Hinweis auf eine oft vermutete mediale Ghettoisierung".

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