Filmmusik
Bilder für die Ohren

Wenn Leonardo di Caprio mit Kate Winslet die Titanic verlässt, schmachtet dazu Céline Dion: "My heart will go on". Die Filmmusik spielt im Kino oft die Hauptrolle. Musikwissenschaftler untersuchen darum den Publikumsgeschmack und wissen, welche Stücke einen Film zum unvergesslichen Kassenschlager machen.
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DÜSSELDORF. An seinen ersten Kinobesuch erinnert sich Ulrich Wünschel noch gut. "Jurassic Park. Ich weiß es noch wie heute, nicht das mit den Sauriern, die Musik! So ein satter Klang, volles Sinfonieorchester. Erst schmetterte diese Trompete und dann von überall her die Streicher ?" Was Wünschels Ohren im Kino zu hören bekamen, prägte den damals 12-Jährigen nachhaltig. Er studierte Musikwissenschaft, schrieb ein Buch über Sergej Prokofjews Filmmusik zu Sergej Eisensteins "Alexander Newski" und ist heute Leiter des Notenarchivs der "Europäischen Film-Philharmonie" in Berlin.

Wünschel gehört zu einer neuen Forschergeneration, die das verpönte Stiefkind der musikalischen Wissenschaft salonfähig machen möchte. "Es ist noch nicht die gleiche Begeisterung wie bei den Bachkantaten", meint er. "Aber gerade bei jungen Kollegen gibt es immer mehr Arbeiten zum Thema Kino."

Die bisherige Zurückhaltung der etablierten Musikwissenschaft mag daran liegen, dass sie sich angesichts der Kinopartituren ganz neue Fragen stellen müsste - und mit Methoden aus anderen Wissenschaften anfreunden. Die klassischen Vorgehensweisen, etwa die Untersuchung historischer Notenbestände im Hinblick auf andere Lesarten und Aufführungspraktiken früherer Musiker, sind bei der Filmmusik nämlich weitgehend unbrauchbar. Abgesehen von den Kompositionen aus der Anfangszeit des Films, als die "Tonspur" noch leibhaftig im Orchestergraben oder am Klavier saß und von heute oft verlorenen Notenblättern spielte oder improvisierte.

Die Musik zeitgenössischer Filmkompositionen ist bekanntlich schon bildgenau auf der Filmrolle vorhanden. Die interessante Frage ist hier vielmehr die nach dem Verhältnis der Musik zum bewegten Bild und vor allem ihrer Wirkung auf den Zuschauer, der auch ein Hörer ist.

"Musik verändert eklatant die Aussage des Bildes", sagt Wünschel. "Man könnte sogar behaupten, sie ist das Bild. Denn die spannendste Szene wird lustig, wenn alberne Musik dazu gespielt wird, die langweiligste Aufnahme strapaziert die Nerven, sobald die Musik im Hintergrund etwas Gefährliches ankündigt." Um Erklärungen zu finden, müssen Musikwissenschaftler auch bei Kognitionsforschern und Neuroanatomen in die Lehre gehen. Denn die Wirkung von Filmmusik hat etwas mit dem Nerven-Apparat zu tun, der unbewusst Reize aufzeichnet. Sie wirkt so dezent wie jene schwachen, nicht bewusst riechbaren Gerüche, durch die unsere Nase blitzschnell Fremde als sympathisch oder abstoßend kategorisiert. Die Filmmusik macht, dass wir bei einer Szene aus Angst oder aus Liebesverzücken Gänsehaut bekommen.

"Die Musik ist der Bedeutungsträger im Film", sagt Claudia Bullerjahn, Professorin für Musikkulturen der Gegenwart an der Universität Gießen. In ihrem Buch "Grundlagen der Wirkung der Filmmusik" begibt sie sich auf die verborgenen Pfade, auf denen die Musik die Deutungshoheit über das Gesehene an sich reißt.

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