Fischfang
Ödnis in der Tiefe

Die Überfischung der Meere nimmt dramatische Züge an. Es droht nicht nur eine ökologische Katastrophe, die in ihren Folgen weitgehend unerforscht ist, auch die Fischerei ist gefährdet. Doch die meisten Regierungen verschließen die Augen vor dem Problem.

DÜSSELDORF. Welche Enttäuschung! Wer als Tourist eines der vielen Restaurants an den Buchten der ionischen Küste der Türkei ansteuert, muss immer häufiger auf Seezunge, Gambas oder Tintenfisch verzichten. Wenn Meeresgetier überhaupt zu haben ist, dann zu deutlich höheren Preisen als Lamm- oder Rindgerichte. Der Grund: Das Mittelmeer ist weithin überfischt und teilt dieses Schicksal mit vielen anderen Seeregionen. Die Meere steuern auf eine in ihren Folgen weitgehend unerforschte ökologische und die Fischerei auf eine wirtschaftliche Katastrophe zu.

Nach Berechnungen der Uno und der Weltnaturschutzunion IUCN landen derzeit jährlich knapp 85 Millionen Tonnen Fisch auf den Tischen der Weltbevölkerung. Das ist mehr als das Vierfache des Konsums von Speisefischen Anfang der 1960er-Jahre. Der Fang besonders beliebter Arten wie Thunfisch, Kabeljau sowie Schwert- und Speerfisch im vergangenen Jahrhundert hat inzwischen 90 Prozent ihrer Vorkommen in den Weltmeeren getilgt. Mehr als die Hälfte aller Fischbestände weltweit werden "voll abgeschöpft", heißt es in dem jüngst vorgelegten Bericht des Uno-Umweltprogramms Unep. Der Anteil jener Arten, die verantwortungslos ausgebeutet wurden und nun um ihren Erhalt kämpfen müssen, stieg von Mitte der 1970er-Jahre bis 2002 von zehn auf 24 Prozent.

Die Experten schätzen, dass außer dem Fang von 85 Millionen Tonnen jedes Jahr weitere 20 Millionen Tonnen Fisch als Beifang in die Netze gehen, der für den Verkauf nicht geeignet ist und deshalb meist vernichtet wird. Vom Aussterben bedroht sind auch Tiefseearten, die nur langsam wachsen, sich zu ihrem Unglück aber wachsender Beliebtheit bei Gourmets erfreuen. So der Atlantische Sägebauch, der erst nach 32 Jahren geschlechtsreif wird. Ein kürzlich gefangenes Exemplar dieser Art wurde auf ein Alter von 240 Jahren geschätzt. Das heißt, der Fisch schwamm in etwa seit Napoleons Geburt in der Tiefe des Atlantiks, heißt es in dem Bericht.

Doch auch dem in Europa so beliebten Hering geht es schon seit langem an den Kragen. In diesem Jahr sind die Bestände in der Nordsee so knapp, dass der Rat zur Erforschung der Meere (ICES) den EU-Fischereiministern empfiehlt, die Fangquote für Hering auf 240 000 Tonnen fast zu halbieren. Der Autor der Studie, Martin Pastoors, fordert: "Die deutlich verringerte Quote muss für einige Jahre bestehen bleiben, damit sich der Bestand erholt."

Doch die europäischen Fischereiminister tun sich schwer damit, angesichts der Existenznöte ihrer Fischer substanzerhaltende Fangquoten zu beschließen. So liegt die derzeitige Quote für den in seinem Bestand bedrohten Nordsee-Kabeljau immer noch um mehr als die Hälfte über dem, was Wissenschafter gerade noch für vertretbar halten.

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