Fischfossilien im Libanon
Die Steinfischer von Byblos

Im Norden des Libanon hat sich das Sammeln von Fischfossilien zu einem einträglichen Wirtschaftszweig entwickelt. Was spätantike Bischöfe einst für Zeugnisse der Sintflut hielten, sichert den Menschen im Libanongebirge heute einen bescheidenen Wohlstand. Denn der Boden rund um die Dörfer Haqil, Hjoula und Nammoura zählt zu den wichtigsten Fundorten der Welt.
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HAQIL. Ein schnelles, metallisches Hämmern hallt über die Berghänge. Der monotone Rhythmus zieht über eine Handvoll Kalksteinhäuser, die wie hingewürfelt im Talkessel liegen. Am Horizont stößt eine dicht bewaldete Gipfelkette gegen den Himmel. Die blutigen Konflikten, die den Libanon immer wieder erschüttern, scheinen hier, in dieser entlegenen Region im Norden des Landes, unwirklich weit weg.

Samir Matta kauert auf einem Felsvorsprung über dem Dorf Haqil. Der schwere Mann mit dem dichten Vollbart setzt seinen Meißel an der Kante des Steinquaders an, der an seinem Knie lehnt. Wieder und wieder trifft der Hammer; allmählich trennt der Meißel die Sedimentschichten auf. Ein letzter, präziser Schlag, und der Felsbrocken ist quer in zwei Hälften gespalten. Auf beiden Seiten der Bruchstelle sind, spiegelbildlich zueinander, die Umrisse eines handflächengroßen Fisches mit spitzen Zähnen zu erkennen. „Eurypholis“, murmelt der Ausgrabungsstellenleiter.

Das Libanongebirge, nahe der Hafenstadt Byblos, zählt zu den wichtigsten Meeresfossilienfundorten der Welt: In den Kalksteinfelsen rings um die Dörfer Haqil, Hjoula und Nammoura liegen gewaltigen Mengen von Rochen, Haien, Aalen und Quastenflossern aus der Kreidezeit verborgen. Nur wenige andere Vorkommen liefern den Paläonthologen so detaillierte Einblicke in das prähistorische Meeresleben wie die Fossilien aus dem Libanon, die vor allem wegen der Vollständigkeit ihres Konservierungszustandes als außergewöhnlich gelten.

Es sind nicht etwa wissenschaftliche Expertenteams, die sich um die Ausgrabung kümmern, sondern die Bewohner der Bergdörfer selbst. So hat sich rings um die versteinerten Fische ein kleiner, aber reger Wirtschaftssektor entwickelt: Kleinere Fossilien werden direkt vor Ort an Touristen verkauft, größere, seltenere meist an Museen oder Sammler in aller Welt verschickt. Gleichzeitig profitiert die Hotel- und Gastronomiebranche in Byblos davon, dass die Vorkommen jedes Jahr Hunderte von Experten und Forschern in den Nordlibanon ziehen.

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