Folgen des Klimawandels
Aufgeheizte Evolution

Wir Menschen sorgen uns zwar um ökonomische oder geopolitische Folgen der globalen Erwärmung, doch unsere Pflanzen und Tiere sind von der Entwicklung wohl noch unmittelbarer betroffen. Denn wenn sich die Umweltbedingungen ändern, verschieben sich auch die Kriterien der Auslese im Evolutionsprozess.

DÜSSELDORF. Schweden erfährt eine stille Invasion. Ein Lebewesen breitet sich von Deutschland und Dänemark kommend aus, das ältere Schweden in ihrer Jugend höchstens als Exoten kannten: Ilex aquifolium, zu Deutsch die "Stechpalme" (auf Schwedisch "kriststorn" oder "järnek"). Den beliebten immergrünen Winterschmuck, der aber empfindlich gegen tiefe Minustemperaturen ist, müssen die Nordländer künftig nicht mehr importieren. Geobotaniker Gean Walther-Reto von der Universität Hannover hat eine Studie aus den 40er-Jahren mit neuen Daten verglichen, die die Ausbreitung nach Norden und Nordosten belegen: "Damit gibt es ein sichtbares Beispiel für den Klimawandel", sagt er.

Solche Spuren des globalen Wandels finden sich in zahlreichen Lebensräumen: im Meer, in Gebirgen, auf allen Kontinenten, bei Tieren und Pflanzen gleichermaßen. Wir Menschen sorgen uns um ökonomische oder geopolitische Folgen etwa durch den Anstieg des Meeresspiegels. Doch unsere Mitbewohner auf dem Planeten sind wohl noch unmittelbarer betroffen: Die evolutionäre Entwicklung der Lebewesen erhält durch die rasanten, vom Menschen verursachten Klimaänderungen einen ungeheuren Antrieb. Wenn sich die Umweltbedingungen ändern, verschieben sich die Kriterien der Auslese im Evolutionsprozess. Was bisher ein Vorteil war, kann nun ein Nachteil sein, oder auch umgekehrt.

Verschiebungen werden vor allem in der Phänologie, den jährlich wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen von Pflanzen und Tieren (etwa Blüte- oder Paarungszeit) deutlich. Annette Menzel von der Technischen Universität München hat mit einer Forschergruppe aus 17 europäischen Ländern in einer großen Studie herausgefunden, dass Frühlingsmerkmale an Pflanzen und Tieren heute durchschnittlich sechs bis acht Tage früher auftreten als vor 30 Jahren. Säugetiere gebären früher, Vögel legen früher Eier. "Das ist die erste umfassende Untersuchung aller erhältlichen Daten im kontinentalen Maßstab, etwa 550 Arten umfassend. Die Verschiebung der Zeiten ist klar ersichtlich", sagt Menzel über die soeben in der Zeitschrift "Global Change Biology" erschienene Studie. "Wir beobachten temperaturgesteuerte Effekte. Die Pflanzen blühen eher. Von Baumart zu Baumart ist das aber unterschiedlich. Eichen etwa reagieren stärker als Buchen." Das könnte für Erstere ein evolutionärer Vorteil sein.

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