Folgen für Luftfahrtindustrie unklar
Mediziner suchen weiter Ursachen für Thrombosen auf Flugreisen

Berichte über einen angeblichen Zusammenhang zwischen dem beengten Sitzen in der Touristenklasse und dem Entstehen von gefährlichen Blutstaus in den eingezwängten Beinen verunsichern die Fluggäste weltweit. Eine breit angelegte Studie, die in der jüngsten Ausgabe des „South Africa Medical Journal“ veröffentlicht wurde, gibt nun Entwarnung. Keiner der 900 Passagiere, die auf der zehn Stunden langen Strecke zwischen Johannesburg und London unterwegs waren, entwickelte eine per Ultraschall feststellbare (und damit „klinisch bedeutsame“) Thrombose.

KAPSTADT. Die südafrikanische Studie bestätigt unter anderem eine frühere Studie von Rodney Hughes vom Freeman Hospital in Newcastle-upon-Tyne in England, an der 877 Personen teilgenommen haben. In der Fachliteratur sind seit den fünfziger Jahren zwar Dutzende von Fällen weltweit dokumentiert, in denen Passagiere nach einem langen Flug Blutgerinnsel entwickelten und zum Teil daran starben. Allerdings ist die Zahl der Betroffenen, verglichen mit den Millionen Flugreisenden pro Jahr, verschwindend gering.

Dies hat die Frage aufgeworfen, ob die Sorge über die Entstehung von Beinvenenthrombosen berechtigt ist oder womöglich nur von den Medien aufgebauscht wird und eigentlich gar nicht existiert. So kann zum Beispiel nicht ausgeschlossen werden, dass die betroffenen Passagiere bereits ein Gerinnsel hatten, ehe sie ins Flugzeug stiegen.

Bei der jüngsten Studie des Thrombosen-Spezialisten Barry Jacobson von der Universität Witwatersrand wurden daher nur Passagiere ohne erhöhtes Thrombose-Risiko untersucht, wie es nach Operationen, bei Schwangerschaften oder bei Krebs auftreten kann. Besonderes Augenmerk wurde zudem darauf gelegt, ob Passagiere in der Touristenklasse tatsächlich anfälliger als Reisende in der Business Class waren.

„Dass keiner der Passagiere eine erkennbare Thrombose entwickelte, deutet darauf hin, dass die Blutgerinnsel weniger häufig auftreten, als andere Studien oder Anekdoten glauben machen“, resümiert Jacobson. Allerdings weist die Studie auch darauf hin, dass 10 % der untersuchten Passagiere einen erhöhten Anteil des so genannten „D-Dimer-Enzyms“ in ihrem Blut aufwiesen, was ein Hinweis auf die Entwicklung kleiner Gerinnsel sein könnte.

Der erhöhte Wert konnte jedoch weder mit der gewählten Sitzklasse in Zusammenhang gebracht werden, noch damit, ob die Reisenden Wasser oder Alkohol konsumierten und Raucher waren. Erhöhte „D-Dimer“- Werte wurden vor allem bei Personen mit einer genetischen Prädisposition für Blutgerinnsel festgestellt. Überraschend war, dass Passagiere eine Tendenz zur Bildung kleiner Gerinnsel zeigten, die vor dem Flug Aspirin in der Annahme geschluckt hatten, dass dies eine Verdickung des Bluts vermeiden würde. Damit bestätigt die Studie indirekt, dass Aspirin zwar bei arteriell bedingten Krankheiten hilfreich ist, aber bei Venenleiden weit weniger nützlich ist.

Noch ist unklar, welche Folgen die jüngste Studie für die Luftfahrtindustrie hat. Viele Fluggesellschaften empfehlen zur Vorbeugung Sitzgymnastik und eine ausreichend hohe Wasserzufuhr. Profitiert haben von der Thrombose-Diskussion die Strumpfwarenindustrie und Reiseversicherer. So offeriert das Schweizer Unternehmen Sigvaris einen speziellen „Anti-Thrombose-Strumpf“, der für Reisende auf Langstreckenflügen gedacht ist. Und ein britischer Reiseversicherer bietet die Übernahme von Gerichtskosten bis zu 36 000 $ an, falls ein Passagier eine Fluggesellschaft wegen der Entstehung einer Reisethrombose verklagen will.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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