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Forscher: Immer mehr Erreger resistent gegen Antibiotika

Die beiden großen deutschen Gesellschaften für Mikrobiologie haben vor einer zunehmenden Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika gewarnt.

dpa GöTTINGEN. Die beiden großen deutschen Gesellschaften für Mikrobiologie haben vor einer zunehmenden Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika gewarnt.

Mitverantwortlich dafür sei die Verschreibungspraxis vieler Ärzte, sagten Sprecher der Organisationen während eines Kongresses in Göttingen. Vielfach würden Antibiotika ohne Bestimmung der Erreger verordnet. In anderen Fällen verschrieben die Ärzte aus Kostengründen nicht das wirksamste, sondern billige oder zu wenige Antibiotika. An dem Kongress nehmen noch bis zum Mittwoch rund 1 000 Mikrobiologen aus ganz Europa teil.

Ein Beispiel für zunehmend resistente Erreger seien die für Lungenentzündungen verantwortlichen Pneumokokken, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (Dghm), Prof. Matthias Frosch. Bei Verdacht auf Lungenentzündung werde oft ohne vorherige diagnostische Bestimmung der Krankheitserreger ein Antibiotikum verschrieben. Pneumokokken seien inzwischen „in hohem Maß gegen geläufige Antibiotika resistent“.

Etwa 50 Prozent aller Verschreibungen von Antibiotika seien unnötig, erklärte der Präsident der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobilogie (Vaam), Professor Harald Labischinski. Grundsätzlich fehle es an einer gezielten Diagnostik von Infektionskrankheiten. Andererseits komme es vielfach zu einer „Unterverschreibung“ der geeigneten Mittel, wenn Ärzte das von den Krankenkassen für einzelne Patienten vorgesehene Budget bereits ausgeschöpft hätten.

Mit besonderer Besorgnis sehen die Mikrobiologen die dramatisch wachsende Resistenz der Erreger von Tuberkulose (TB) gegen die bekannten Antibiotika. „Wir haben dieses Problem direkt vor der Haustür“, sagte Prof. Frosch. In Russland, Lettland und Estland beispielsweise seien die so genannten multiresistenten TB-Stämme bereits für etwa jede siebte Infektion verantwortlich.

In diesen Fällen gebe es keine aussichtsreiche Therapiemöglichkeit mehr. Wegen der zunehmenden Migration von Ost nach West bestehe „eine große Gefahr“, dass diese multiresistenten Erreger auch nach Deutschland eingeschleppt würden, sagte der Dghm-Präsident.

Ursache für die Resistenz der Bakterien gegen Antibiotika sind spontane Veränderungen im Bakterien-Erbgut: Dadurch wird einer von Mrd. Erregern zufällig gegen ein Antibiotikum resistent. Dieses Bakterium kann nun im Gegensatz zu seinen Artgenossen überleben und sich umso stärker ausbreiten. Durch die massenhafte Anwendung von Antibiotika wird diese Zufallsauslese beschleunigt. Die Abwehrgene können auch auf andere Bakteriengruppen übertragen werden.

Übereinstimmend appellierten Dghm und Vaam an die Politiker im Bund und in den Ländern, die Mittel für Forschung und Lehre in ihrem Fach nicht noch weiter zu beschränken. Schon jetzt deute sich in vielen Bereichen ein Mangel an medizinisch und naturwissenschaftlich tätigen Mikrobiologen an, weil die Sparmaßnahmen zur Schließung mikrobiologischer Abteilungen an den Hochschulen führten.

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