Forschung + Innovation
Forscherstreit um Riesen-Meteoritenkraterfeld

Liegt in Bayern eines der weltweit größten Meteoritenkraterfelder? Dieser Ansicht ist jedenfalls ein Team bayerischer Forscher.

dpa ALTÖTTING. Liegt in Bayern eines der weltweit größten Meteoritenkraterfelder? Dieser Ansicht ist jedenfalls ein Team bayerischer Forscher. Ihren Untersuchungen zufolge ist vermutlich mehrere hundert Jahre vor Christus ein etwa 1,1 Kilometer großer Himmelskörper in der Erdatmosphäre explodiert und in Brocken zwischen Chiemsee und dem oberbayerischen Altötting eingeschlagen.

81 Krater zählen die Wissenschaftler in einem ellipsenförmigen Streugebiet mit einer Fläche von 58 mal 27 Kilometern. Auch zwei weitere Forschergruppen untersuchen Material aus dem potenziellen Einschlaggebiet. Doch wo einige mit leuchtenden Augen Sensationsfunde wittern, sind andere Experten skeptisch.

„Ich würde einen Luftsprung machen, wenn es sich so bewahrheiten würde. Das wäre eine tolle Sache“, sagt Geophysiker Erwin Geiss vom Geologischen Landesamt in München. Doch der Experte, der mit den Forschergruppen in Kontakt ist, hegt starke Zweifel und warnt vor voreiligem Jubel. „Es gibt noch eine Reihe von anderen Erklärungsmöglichkeiten, und bis jetzt ist keine Erklärung schlüssig.“

Zwar seien in dem Gebiet Kraterstrukturen zu erkennen, doch deren Ursprung sei unklar. Sie könnten beispielsweise von so genannten Toteislöchern aus der letzten Eiszeit herrühren oder aber auf den Bergbau zurückzuführen sein. Die gefundenen Metalle sind nach Ansicht des Experten noch nicht ausreichend untersucht. „Von in der Fachwelt abgesegneten Meteoritenkratern kann keine Rede sein“, sagt Geiss.

Dennoch ist sich das Team um den Geologen und Geophysiker Prof. Kord Ernstson von der Universität Würzburg sicher, einer wissenschaftlichen Sensation auf der Spur zu sein. „Von der Häufung großer Krater und der Ausdehnung der Streuellipse her handelt es sich um einen der bedeutendsten Funde der Erde“, sagt Ernstson. Den größten Krater bilde mit etwa 500 Metern Durchmesser der Tüttensee. Andere Krater seien eher unscheinbar und zum Teil nur auf Luft- und Infrarotaufnahmen zu erkennen.

Nacheinander seien alternativen Erklärungen ausgeschlossen worden, sagt der Würzburger Forscher. Zufällige Funde von Amateurarchäologen mit Metallsonden bei der Suche nach römischen Relikten deuteten auf kosmisches Material hin, das aus der Frühzeit der Enstehung unseres Sonnensystems stamme. Ein Indiz für einen Einschlag sei etwa die Eisen-Silizium-Verbindung Xifengit, die bislang nur von einem Impaktkrater in China bekannt sei und sonst nicht natürlicherweise auf der Erde vorkomme. „Ein enormer thermischer Schock mit einer unglaublichen Wucht muss damals die Landschaft erschüttert haben“, sagt Ernstson.

Eine weitere Forschergruppe um den Geophysiker Viktor Hoffmann von der Universität Tübingen hat ebenfalls eine Impakthypothese aufgestellt. Sie stützt sich unter anderem auf Materialfunde und großflächige magnetische Anomalien im Boden. Die bisherigen und teils noch unveröffentlichten Ergebnisse deuteten auf eine Reihe von Besonderheiten hin, die mit bekannten Prozessen oder Ablagerungen aus der Industrie nicht zu erklären seien, heißt es.

„Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es sich um den Impakt eines kosmischen Körpers oder Kometen handeln könnte, der mit hoher Energie eingeschlagen ist“, sagt Hoffmann. Einen in der Fachwelt akzeptierten Beweis könne man aber noch nicht auf den Tisch legen. „Wenn der Beweis erbracht ist, kann man von einer Weltsensation sprechen.“

Weitaus zurückhaltender gibt sich eine dritte Forschergruppe um Prof. Thomas Fehr von der Ludwig-Maximilians-Universität-München. Das Team hat insgesamt nur 20 Krater im Landkreis Altötting im Visier. Es gebe Indizien, die auf Einschlagkrater hindeuteten. „Aber unser bislang untersuchtes Material ist eindeutig irdisch und nicht extraterrestrisch“, sagt Fehr. Die Eisen-Silizium-Verbindungen seien künstlicher Natur und würden etwa in der Industrie zur Stahlveredelung benutzt. Und so bleibt vorerst offen, ob Bayern neben dem 28 Kilometer großen Meteoritenkrater im Nördlinger Ries auch ein riesiges Krater-Streufeld zu bieten hat.

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