Forschung
Ameisen auf der Einbahnstraße

Sie sind Meister der Orientierung: Ameisen finden neue Routen zum Nest, auch wenn der Rückweg versperrt ist. Davon berichten Forscher der Universität von Sao Paulo.
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DÜSSELDORF. Ameisenstraßen sind in der Regel zweispurig: Die emsigen Tiere marschieren auf einer festen Strecke vom Nest zur Futterstelle und entlang den auf dem Hinweg gelegten Duftspuren auch wieder zurück. Doch wenn der Rückweg versperrt ist, suchen sie sich eine neue Route - und bewegen sich fortan auf getrennten Einbahnstraßen zwischen Nest und Futterplatz.

Von dieser Entdeckung berichten Forscher der Universität von Sao Paulo in Brasilien im Fachmagazin "PLOS one". Sie hatten eine Kolonie von Blattschneiderameisen untersucht und die Tiere vor ein unüberwindliches Hindernis gestellt: Um an ihr Futter zu kommen, mussten die Ameisen einen langen Steg hinunterkrabbeln und sich am Ende des Stegs ein Stück weit fallen lassen - denn er reichte nicht bis zum Boden. Auf dem Rückweg konnten die Tiere die Lücke zwischen Futterstelle und Steg nicht überwinden. Statt also wie gewohnt auf einer zweispurigen Ameisenstraße zum Nest zurückzukehren, mussten sie einen neuen Weg nach Hause finden.

"Es ist eine Art Verhaltens-Sperrventil", erklärt Pedro Leite Ribeiro, der Leiter der Studie, das Experiment. "Die Futterstelle würde zur Sackgasse, wenn die Ameisen ihr Prinzip ,Gehe auf dem selben Weg zurück? nicht aufgeben könnten." Doch genau das gelang den Ameisen: Sie gaben die alte Route auf und entdeckten einen neuen Steg. Dieser reichte zwar bis zum Boden des Futterplatzes, doch an seinem Ende mussten die Tiere sich wiederum fallen lassen, um zum Nest zu gelangen. So stellten die Forscher sicher, dass die neu entdeckte Route nur als Rückweg benutzt werden konnte.

Der Versuch, der zunächst nur im Labor stattgefunden hatte, funktionierte auch im Freiland. Dass die Ameisen den Rückweg per Zufall entdeckten, schließen die Forscher nach einer statistischen Analyse der Laufwege aus - demnach haben die Insekten eine Möglichkeit, sich auch ohne die ausgelegten Duftspuren auf der Ameisenstraße in ihrer Umgebung zu orientieren. "Der nächste Schritt war, herauszufinden, wie sie das machen", so Ribeiro.

Grundsätzlich müssen die Tiere in der Lage sein, sich grob zu orientieren, selbst wenn sie sich an die Duftspuren halten. Denn die ausgelegten Pheromone verraten ihnen nichts über die Richtung, in der sie unterwegs sind. Wenn sie auf dem Weg zum Futterplatz nach Osten marschiert sind, müssen sie auf dem Rückweg natürlich in westlicher Richtung laufen.

Wie den Insekten diese Orientierung gelingt, war bisher unklar. "Ihre winzigen Augen scheinen höchstens zur einfachen Wahrnehmung von Licht geeignet", so Ribeiro. "Aber weil das bereits ausreichen könnte, haben wir beschlossen, den Versuch im Dunkeln zu machen." Ohne Licht versagten die Tiere prompt bei der Routensuche. Offenbar orientieren Ameisen sich also beim Anlegen von Einbahnstraßen am Licht.

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