Forschung contra Polemik
Ideologische Abrüstung

Politiker sind nur selten bereit, in ihrem Tagesgeschäft die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern zu berücksichtigen. Das gilt auch für den Streit über das Gedenken an die Vertreibung der Deutschen aus Polen am Ende des Zweiten Weltkriegs. "Gerade wenn es um dieses Thema geht, reden Politiker beider Länder über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben", sagt der Warschauer Historiker Wlodzimierz Borodziej.

WARSCHAU. Vorurteile und Polemik orchestrieren die Debatte. So herrscht in Deutschland der Eindruck vor, die Vertreibung der Deutschen sei ein Tabu in der polnischen Öffentlichkeit. Schlagzeilen in beiden Ländern machte die undurchsichtige "Preußische Treuhand", die auf Rückgabe von Grundeigentum drängt. Polnische Politiker wie der neue Staatspräsident Lech Kaczynski wiederum ließen eine Liste der Kriegsschäden aufstellen und insistieren, dass Polen bis heute keine ausreichende Entschädigung für die Zerstörung des Landes während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg erhalten habe.

Fernab von Legenden und Instrumentalisierungsversuchen hat der Historiker Borodziej, Jahrgang 1956, zusammen mit polnischen und deutschen Wissenschaftlern seiner Generation dafür gesorgt, dass die Vertreibung der Deutschen in Polen zu den am besten erforschten Kapiteln der polnischen Zeitgeschichte gehört. Die Fakten forderten Aufklärung (Siehe Ende des Artikels "Flucht und Vertreibung").

Doch die versöhnende Botschaft seiner wissenschaftlichen Arbeit ist gerade bei den Funktionären der Vertriebenenverbände nicht angekommen. "Sie haben das nicht zur Kenntnis genommen", sagt Borodziej. Erika Steinbach, Vorsitzende des Dachverbandes der Vertriebenen, zeige bislang kaum Bereitschaft, die Erkenntnisse polnischer Wissenschaftler bei der Errichtung des in Berlin geplanten "Zentrums gegen Vertreibungen" mit einzubeziehen.

Ausgangspunkt für das Interesse polnischer Wissenschaftler war der radikale Wandel 1989/90. Die Ablösung des kommunistischen Systems, die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze durch Deutschland, die Öffnung polnischer Archive und die Entstehung einer normalen wissenschaftlichen Öffentlichkeit in Polen fanden ihren Niederschlag in einer Fülle wissenschaftlicher Arbeiten, darunter die auch ins Deutsche übersetzte Quellenedition "Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 - 1950", die mittlerweile in vier Bänden vorliegt. Das Standardwerk umfasst gut 3000 Seiten mit knapp 1400 Dokumenten.

Polnische Historiker bemühen sich, die Folgen der Vertreibung der Deutschen für die Entwicklung des polnischen Staates in der Nachkriegszeit zu analysieren. Die Vertreibung, betont Borodziej, habe die Machtergreifung der polnischen Kommunisten erleichtert. "Sie haben der Gesellschaft die Erkenntnis aufgezwungen, dass es einzelne Schichten gibt, die keine Rechte haben", sagt Borodziej. Und das sei bekanntlich das Wesen des Stalinismus.

Gegenstand laufender regionalgeschichtlicher Forschungen polnischer Historiker ist auch die Wechselwirkung zwischen der Vertreibung der Deutschen und der anschließenden Ansiedlung von Polen aus dem Ostteil des Landes. In den sechziger Jahren hatten polnische Wissenschaftler Bücher dazu veröffentlicht, doch in diesen Werken wurde die ideologische Rechtfertigung der Vertreibung durch die herrschenden Kommunisten nicht thematisiert.

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