Forschung
Ruf nach Änderung des Stammzellgesetzes wird lauter

In Politik und Forschung wird der Ruf nach einer Lockerung der Stichtagsregelung im deutschen Stammzellgesetz wieder lauter. Führende Wissenschaftler warnten am Mittwoch in einer Bundestagsanhörung in Berlin davor, dass Deutschland den Anschluss an die internationale Spitzenforschung verliert.

dpa BERLIN. In Politik und Forschung wird der Ruf nach einer Lockerung der Stichtagsregelung im deutschen Stammzellgesetz wieder lauter. Führende Wissenschaftler warnten am Mittwoch in einer Bundestagsanhörung in Berlin davor, dass Deutschland den Anschluss an die internationale Spitzenforschung verliert.

Forscher dürfen derzeit nur menschliche embryonale Stammzellen verwenden, die vor dem Jahr 2002 gewonnen wurden. Stärkster Befürworter einer Gesetzesänderung ist die FDP. Die Grünen lehnen eine Lockerung des Stichtags ab. Aus SPD und Union kommen unterschiedliche Signale.

Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte, die Bundesregierung werde bei diesem hochsensiblen Thema keinerlei Initiative ergreifen. Es sei ausgeschlossen, dass die Substanz des Gesetzes verändert werde. Es dürfe keinen Anreiz geben, um menschliche Embryonen zu schädigen. „Die Grundüberzeugung, die hinter unserer Gesetzgebung steht, heißt: Lebensschutz geht vor Forschungsfreiheit.“ Bei der Stichtagsregelung werde sich zeigen, „ob wir Wege finden, wie sich Lebensschutz und Erwartung der Forscher noch anders verbinden lässt als bisher“, sagte Schavan im ZDF.

Das 2002 vom Bundestag mit breiter Mehrheit verabschiedete Gesetz erlaubt unter Auflagen Import und Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen, die vor dem Stichtag 1. Januar 2002 gewonnen worden sind. Die Forscher kritisieren, dass diese älteren Zellen nur noch eingeschränkt nutzbar seien.

Besonders problematisch ist für deutsche Experten, dass sie sich strafbar machen können, wenn sie sich im Ausland an Projekten beteiligen, bei denen frischere Embryonen verwendet werden, mit denen nach deutschem Recht nicht experimentiert werden darf.

Der Bonner Neurobiologe Oliver Brüstle, der im Herbst 2000 als erster deutscher Wissenschaftler den Import menschlicher embryonaler Stammzellen beantragt hatte, sagte, das Gesetz mache es unmöglich, Erkenntnisse aus der Stammzellenforschung bis zur medizinischen Anwendbarkeit zu entwickeln. Dies führe dazu, dass die deutsche Grundlagenforschung in den USA und in Großbritannien zu lukrativen Patenten weiterentwickelt werde.

Der Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Jörg Hinrich Hacker, wies darauf hin, dass selbst die Grundlagenforschung immer schwieriger werde. Das Hauptproblem sei die Stichtagsregelung. Es gebe kaum noch Stammzellen aus der Zeit vor 2002, auch seien bei der damaligen Gewinnung längst überholte Methoden angewendet worden.

Der Stammzellexperte Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biologie in Münster forderte den vollständigen Verzicht auf einen Stichtag: „Wenn Sie sehen, wie ein kranker Junge von Treffen zu Treffen weniger wird, und sie wissen, da sind die ganzen ungenutzten Stammzellen im Ausland, dann habe ich damit ein Problem.“

Gegen eine Gesetzesänderung sprach sich der Frankfurter Theologieprofessor Hille Haker aus. Die ethische Sachlage habe sich seit 2002 nicht geändert. Der Staat sei außerdem berechtigt, die Wettbewerbsfähigkeit von Forschern zu Gunsten des moralischen Schutzes von Embryonen einzuschränken.

Der forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss, sagte, vor fünf Jahren sei das Ziel gewesen, die Stammzellforschung unter strengen Auflagen zu ermöglichen und zu einer Befriedung der kontroversen Diskussion zu kommen. „Der Deutsche Bundestag und letztlich jede und jeder Abgeordnete muss nun prüfen, ob und inwieweit das Gesetz dieser Intention nach wie vor hinreichend gerecht werden kann, ohne ethische Grundansichten des Gesetzes in Frage zu stellen.“

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