Forschung
Streit über Stammzellen-Forschung

Deutschland verliert wegen hoher gesetzlicher Hürden bei der Stammzellenforschung nach einer Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft immer stärker den internationalen Anschluss.

dpa BERLIN. Deutschland verliert wegen hoher gesetzlicher Hürden bei der Stammzellenforschung nach einer Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft immer stärker den internationalen Anschluss.

In dem am Freitag in Berlin vorgelegten Gutachten heißt es, deutsche Spitzenforscher würden bei ihrer Arbeit kriminalisiert und zunehmend auch „international isoliert“. Die Wissenschaftsorganisation (DFG) fordert deshalb eine unverzügliche Revision des seit 2002 geltenden Embryonenschutzgesetzes. Sie löste damit einen heftigen Streit aus.

Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) lehnte gesetzliche Lockerungen bei der Stammzellenforschung umgehend ab. Sie sagte jedoch eine Überprüfung mit dem Ziel zu, rechtliche Unsicherheiten zu beseitigen.

Nach jetziger Gesetzeslage machen sich deutsche Wissenschaftler strafbar, wenn sie an Stammzellen-Forschungen im Ausland mitarbeiten, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Dies habe zu einer „zunehmenden Isolierung“ deutscher Kollegen geführt, sagte DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker. Um eine „Kriminalisierung“ zu verhindern, müsse dieser Passus gestrichen werden.

Nach seinen Angaben findet wegen der restriktiven Gesetzeslage die Forschung an embryonalen Stammzellen weitgehend ohnehin nur noch im Ausland statt. In Deutschland könne nur noch „sehr begrenzt“ gearbeitet werden. Vor allem therapiebetonte Forschung sei wegen der deutschen Beschränkungen kaum noch möglich. Vor allem von dieser Arbeit erhoffen sich Experten einen Durchbruch bei der Behandlung von schweren Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Krebs.

Als unhaltbar bezeichnete die DFG die gesetzliche Auflage, wonach nur embryonale Stammzellen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden, nach Deutschland importiert werden dürfen. Diese älteren Zelllinien seien häufig mit tierischen Produkten und Viren verunreinigt und für Forschungszwecke unbrauchbar, sagte Winnacker. Deutsche Forscher seien darauf angewiesen, Zugriff auf den jeweiligen modernsten Stand von Wissenschaft und Technik zu haben.

Die von der DFG geforderte Abschaffung der Stichtagsregelung lehnte Schavan strikt ab. „Für die Bundesregierung ist der Schutz menschlichen Lebens ein Grundsatz, der nicht zur Disposition steht“, betonte die Ressortchefin. Sie begrüßte, dass auch die DFG dem reproduktiven Klonen und Eingriffen in die Keimbahn eine klare Absage erteilt habe. Die Regierung halte zudem daran fest, dass die Herstellung von Embryonen einschließlich des therapeutischen Klonens sowie die verbrauchende Embryonenforschung verboten bleibe.

Die FDP-Forschungspolitikerin Ulrike Flach kündigte eine Unterschriftensammlung für einen fraktionsübergreifenden Antrag mit dem Ziel an, die Strafandrohung für Forscher aus dem Gesetz zu streichen. Sie sei zuversichtlich, dafür die notwendige Unterstützung zu erhalten, sagte sie der dpa.

Vor einer Abschaffung der Stichtagsregelung warnte die Evangelische Kirche. Dies wäre ein „Einstieg in den Ausstieg aus dem Embryonenschutz“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber. Unions-Fraktion-Vize Katherina Reiche (CDU) plädierte für eine Lockerung des Gesetzes. Die derzeitige Regelung habe sich nicht bewährt, sagte sie der dpa. Die „übermäßige Kriminalisierung“ deutscher Forscher gehe an der Realität vorbei. Demgegenüber nannte der Bioethik-Experte der Union, Hubert Hüppe, die DFG-Forderungen einen „Angriff auf das Menschenrecht auf Leben“.

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